Olympos
miesen …
Daeman bekam keine Luft mehr. Seine Brust machte einfach dicht. Er riss den Mund auf, als wollte er sich erneut erbrechen, bekam aber keine Luft hinein oder heraus.
Tot. Für immer. Tot.
Er stand auf, watete in das von der Sonne erwärmte Wasser und sprang dann mit einem Hechtsprung hinein, schwamm mit ene r gischen Zügen zu dem Riff hinaus, wo die Wellen sich weiß au f türmten und wo er die riesige Bestie mit dem Hai im Maul ges e hen hatte, schwamm mit aller Kraft, spürte, wie das Salzwasser in seinen Augen und an seinen Wangen brannte …
Beim Schwimmen konnte er wieder Atem schöpfen. Er schwamm hundert Meter weit, bis zu der Stelle, wo die Lagune sich zum Meer öffnete, und trat dann Wasser, spürte die kalten Strömungen, die an ihm zerrten, beobachtete die schweren We l len jenseits des Riffs, lauschte der wundervollen Wucht, mit der sie brachen, ergab sich beinahe dem Sog, der ihn hinauslockte, we i ter, immer weiter – im Pazifik gab es keinen Bruch wie im Atla n tik, sein Körper würde vielleicht tagelang treiben –, und dann drehte er sich um und schwamm zurück zum Strand.
Er stieg aus dem Wasser, ohne sich seiner Nacktheit bewusst zu sein, aber auf seine Sicherheit achtete er jetzt sehr wohl. Er hob seine salzverkrustete linke Hand und rief die Farnet-Funktion auf. Er befand sich auf einer Insel im Südpazifik – bei diesem Geda n ken hätte Daeman beinahe gelacht, denn noch vor neun Monaten, vor seiner Begegnung mit Harman, hatte er die Namen der Oze a ne ebenso wenig gekannt wie die der Landmassen, hatte nicht einmal gewusst, dass die Welt rund war und dass es mehr als e i nen Ozean gab – und was hatte ihm all dieses Wissen seither g e nützt? Nichts, so weit er erkennen konnte.
Das Farnet zeigte ihm jedoch, dass keine Altmenschen oder V o ynixe in der Nähe waren. Er ging den Strand hinauf zu seinen S a chen und kniete sich hin, um den Anorak als Stranddecke ausz u breiten. Seine gebräunten Beine waren mit Sand überzogen.
Gerade als er auf die Knie ging, erfasste eine Windbö vom Land das Turin-Tuch und wehte es über seinen Kopf hinweg zum Wa s ser. Aus einem reinen Reflex heraus griff Daeman d a nach und fing es ein. Er schüttelte den Kopf und trocknete sich mit den Rändern des kunstvoll bestickten Tuchs die Haare ab.
Daeman legte sich auf den Rücken, ohne das zusammengeknä u elte Tuch loszulassen, und starrte in den makellos bla u en Himmel hinauf.
Sie ist tot. Ich habe ihren Schädel in meinen Händen gehalten. W o her hatte er so genau gewusst, dass dieser eine Schädel von hundert – trotz des obszönen Hinweises der kurzen, roten Haarsträhnen – seiner Mutter gehörte? Er hatte es gewusst. Vie l leicht hätte ich sie bei den anderen lassen sollen. Nicht bei Goman, der mit seiner We i gerung, aus Paris-Krater wegzugehen, die Schuld an ihrem Tod trug. Nein, nicht bei ihm. Daeman sah den kleinen, weißen Sch ä del, der zum roten Magmaauge des Kraters hinunterstürzte, deu t lich vor sich.
Er schloss die Augen und zuckte zusammen. Der Schmerz dieser Nacht war etwas Physisches; er lauerte wie Lanzetten hinter se i nen Augen.
Er musste nach Ardis zurück, um allen zu erzählen, was er g e sehen hatte – dass Caliban mit Sicherheit zur Erde zurückg e kehrt war, dass sich im Nachthimmel ein Loch aufgetan hatte und ein riesiges Wesen durch dieses Loch gekommen war.
Er hörte schon die Fragen, die Harman, Noman, Ada oder e i nige der anderen ihm stellen würden. Wieso bist du so sicher, dass es Caliban war?
Daeman war sicher. Er wusste es. Es gab eine Verbindung zw i schen ihm und dem Monster, seit sie in der Beinahe-Schwerelosigkeit durch den riesigen, kathedralenartigen Raum von Prosperos zerstörter Orbitalinsel gepurzelt waren. Er wus s te seit dem Absturz, dass Caliban noch lebte – dass er, so unglau b lich es war, wahrscheinlich, nein, mit Sicherheit irgendwie von der Insel entkommen und zur Erde zurückgekehrt war.
Woher weißt du das?
Er wusste es.
Wie kann ein einziges Geschöpf, kleiner als ein Voynix, hundert der Überlebenden von Paris-Krater töten – die meisten von ihnen Mä n ner?
Möglicherweise hatte Caliban dazu die Klonwesen aus dem Mi t telmeerbecken eingesetzt – die Calibani, die Prospero vor Jah r hunderten erschaffen hatte, um Setebos ’ Voynixe in Schach zu halten –, aber Daeman glaubte es nicht. Er vermutete, dass das Ungeheuer seine Mutter und all die anderen allein abg e schlachtet hatte. Um mir eine Botschaft zu
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