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Olympos

Titel: Olympos Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
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nur eine halbe Stunde, nachdem sie eing e schlafen war. Die Kinderstimme in ihrem Innern fühlte sich an wie eine kleine, kalte, unwillkommene Hand unter ihren Kle i dern.
    Mami, bitte. Mir gefällt es hier nicht. Es ist kalt und dunkel, und ich kann nicht raus. Das Gestein ist zu hart. Ich habe Hunger. Mami, bitte hilf mir, hier rauszukommen. Mammiiii.
    Ada zwang sich trotz ihrer Erschöpfung, aus ihrem Bettzeug aufzustehen und in die Kälte hinauszutreten. Die Überlebenden – eine Woche und fünf Tage nach ihrer Rückkehr zu den Ru i nen von Ardis waren es jetzt noch achtundvierzig – hatten Zelte aus geborgenem Segeltuch errichtet, und Ada schlief nun z u sammen mit vier anderen Frauen. Die Zeltgruppe und der u r sprüngliche Schuppen beim Brunnen bildeten das Zentrum einer neuen Pal i sade; die angespitzten Pfähle standen nur rund dreißig Meter vom Mittelpunkt der Zeltstadt und den eingestürzten Ruinen des u r sprüngl i chen Ardis Hall entfernt.
    Mammiiii … bitte, Mami …
    Die Stimme war jetzt häufig zu hören. Ada hatte zwar gelernt, sie in ihren wachen Stunden weitgehend zu ignorieren, aber sie hinderte sie am Schlafen. Heute Nacht – an diesem dunklen Mo r gen vor Anbruch des Tages – war es noch viel schlimmer als sonst.
    Ada schlüpfte in ihre Hose, ihre Stiefel und den dicken Pull o ver und verließ das Zelt. Sie bewegte sich so leise, wie sie kon n te, um Elle und ihre anderen Zeltgenossinnen nicht zu wecken. Ein paar Leute waren wach und saßen um das Lagerfeuer im Zentrum – dort saßen immer welche, die ganze Nacht hindurch –, und auf den neuen Mauern standen Wachposten, aber der Bereich zw i schen Ada und der Grube war leer und dunkel.
    Es war sehr dunkel; dicke Wolken waren vor die Sterne und die Ringe gezogen, und es roch, als würde es bald schneien. Ada ging mit vorsichtigen Schritten zur Grube hinüber – sie hatten sich i n zwischen besseres Bettzeug und wärmere Schlafsäcke mit Inne n futter zusammengenäht, und einige von ihnen zogen es immer noch vor, draußen zu schlafen. Sie wollte auf niemanden treten. Obwohl sie erst im fünften Monat war, kam sich Ada bereits dick und unbeholfen vor.
    Mammmiiiiiii!
    Sie hasste diese verdammte Stimme. Jetzt, da ein echtes Kind in ihrem Innern heranwuchs, konnte sie die flehende, ja m mernde Ersatzkinderstimme dieses Wesens in der Grube nicht ertragen, auch wenn sie nur ein mentales Echo war. Sie fragte sich, ob auch das sich entwickelnde Nervensystem ihres eig e nen Babys dieser telepathischen Invasion ausgesetzt war. Ho f fentlich nicht.
    Mami, bitte lass mich raus. Es ist dunkel hier unten.
    Sie hatten beschlossen, ständig einen Wachposten an der Grube aufzustellen, und heute Nacht war es Daeman. Sie e r kannte die schmale, muskulöse Silhouette mit dem über die Schulter g e schlungenen Flechette-Gewehr, noch bevor sie sein Gesicht sehen konnte. Er drehte sich zu ihr um, als sie an den Rand der Grube trat.
    »Kannst du nicht schlafen?«, flüsterte er.
    »Es lässt mich nicht«, erwiderte sie, ebenfalls im Flüsterton.
    »Ich weiß«, sagte Daeman. »Ich höre es immer, wenn es seine flehentlichen Bitten an dich richtet. Schwach, aber vernehmlich – eine Art Kitzeln weit hinten im Gehirn. Ich höre, wie es › M a miii ‹ ruft, und würde am liebsten alle Flechettes dieses Magazins hi n einpumpen.«
    »Das ist wahrscheinlich eine gute Idee.« Ada schaute auf das Metallgitter über der Grube hinunter, das in den Stein g e schweißt und geschraubt war. Das Gitter war groß, schwer und engm a schig – sie hatten es aus der alten Zisterne in der Nähe der Ruinen von Ardis Hall geholt –, aber das Setebos-Baby war bereits so groß, dass es seine ziellos schweifenden Hände an ihren Stängeln durch die Maschen schieben konnte. Die Grube selbst war nur etwas über fünf Meter tief, aber sie hatten sie in massives Gestein gehauen und gesprengt. Und so stark das monströse Ding da u n ten auch sein mochte – sein vieläugiger, vielarmiger Hirnteil war jetzt über eineinviertel Meter lang, und seine Hände wurden mit jedem Tag kräftiger –, es war nicht stark genug, um die Bolze n schrauben und die festgeschweißten, tief eingelassenen Gitte r stangen aus dem Gestein zu reißen. Noch nicht.
    »Eine gute Idee, nur dass fünf Minuten später zwanzigta u send Voynixe über uns herfallen würden, wenn wir das Wesen töten«, sagte Daeman leise.
    Ada brauchte nicht daran erinnert zu werden, aber als sie es hö r te, krochen die Kälte und die

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