Olympos
warst schon mal dort, Ada: Hughes Town. Da war dieser hohe Plastbeton-Wolkenkratzer mit dem ganzen Efeu.«
»Ich war einmal zu einer Dritter-Zwanziger-Party dort.« Ada e r innerte sich an den Meerblick von einer Terrasse hoch oben an diesem Turm. Sie war jung gewesen, noch nicht ganz fün f zehn. Ungefähr zur selben Zeit war sie auch zum ersten Mal ihrem pummeligen »Cousin« Daeman begegnet, und sie eri n nerte sich an ein erwachendes Gefühl der Sinnlichkeit aus jenen Tagen.
Elian räusperte sich. Der Mann hatte bläuliche Narben im G e sicht, an den Unterarmen und Händen, und seine Kleidung war eigentlich nur eine Ansammlung zerrissener Lumpen, aber aus seiner ganzen Haltung sprach trotzdem eine starke Autorität. »Wir waren mehr als zweihundert in der Knoten-Gemeinschaft, als die Voynixe vor einem Monat angegriffen haben«, sagte er mit leiser, aber tiefer Stimme. »Waffen besaßen wir nicht. Aber der wichtigste Wohnturm von Hughes Town war so hoch, dass sie nicht einfach hinaufspringen konnten; etwas an der Fassade des Turms erschwerte es ihnen, sich dort festzuhalten und nach oben zu klettern, und dank der überhängenden Terrassen war er leic h ter zu verteidigen als jeder andere Ort, an den wir uns hätten z u rückziehen können. Wir haben die Treppen verbarr i kadiert – der Strom für die Fahrstühle war natürlich schon beim Einsturz des Himmels ausgefallen – und alles, was wir finden konnten, als Waffen benutzt: Servitor en-Werkzeug, Eisensta n gen, primitive Bogen und Pfeile aus Metallseilen und Blattf e dern von Kaleschen und Droschken – alles. Die Voynixe haben die meisten von uns erwischt, ungefähr ein halbes Dutzend von uns haben es zum Faxpavillon geschafft und sind weggefaxt, um Hilfe zu holen, b e vor das Fax ausfiel, und die fünf anderen und ich saßen auf dem Penthouse des Hughes-Town-Turms, während fünfhundert Vo y nixe alles besetzten. Wir hatten seit fünf Tagen nichts mehr gege s sen und seit zwei Tagen kein Wasser mehr, als wir Nomans und Hannahs Himmelsfloß über dem Golf herbe i schwanken sahen.«
»Wir mussten noch mehr Nahrung und medizinische Vorräte und sogar die meisten Schusswaffen und die Flechette-Munition abwerfen, um das zusätzliche Gewicht auszugleichen«, sagte Hannah schuldbewusst. »Und wir mussten noch dreimal landen, um das Floß zu reparieren. Aber schließlich hat es uns hierher g e bracht.«
»Woher kannte sein Navigationssystem den Weg nach A r dis?«, fragte Casman. Der dünne, bärtige Ardis-Überlebende hatte sich schon immer für Maschinen interessiert.
Hannah lachte. »Es kannte ihn nicht. Es konnte kaum unseren Kontinent finden, den Odysseus Nordamerika nennt. Er hat uns hierher geführt – Odysseus –, indem er zuerst einem gr o ßen Fluss gefolgt ist, den er Mississippi nennt, und dann uns e rem Ardis-Fluss, den er Neanoka oder Ohio nennt. Und dann haben wir euer Feuer gesehen.«
»Seid ihr auch nachts geflogen?«, fragte Ada.
»Uns blieb nichts anderes übrig. In den Wäldern südlich von hier gibt es so viele Dinosaurier und Säbelzahntiger, dass wir es nicht riskieren wollten, längere Zeit auf dem Boden zu bleiben. Wir haben alle abwechselnd geholfen, das Ding zu fliegen, wenn Odysseus hin und wieder ein Nickerchen gemacht hat. Aber er ist jetzt seit fast zweiundsiebzig Stunden wach.«
»Er sieht … wieder gesund aus«, sagte Ada.
Hannah nickte. »Die Genesungskrippe hat die meisten Wu n den geheilt, die ihm die Voynixe zugefügt haben. Es war richtig von uns, ihn zur Brücke zurückzubringen. Sonst wäre er g e storben.«
Ada schwieg einen Moment. Sie dachte daran, dass diese En t scheidung ihr Harman genommen hatte.
Als läse sie die Gedanken ihrer Freundin, sagte Hannah: »Wir haben Harman gesucht, Ada. Obwohl Odysseus sicher war, dass Ariel ihn irgendwohin quantenteleportiert hatte – das ist wie f a xen, nur irgendwie stärker; die Götter im Turin-Drama haben das immer gemacht –, obwohl Odysseus sicher war, dass das Ariel-Wesen ihn weit weg qtet hatte, sind wir hinunterg e gangen und haben die alten Ruinen von Machu Picchu unter der Golden Gate durchsucht und sogar an den nahe gelegenen Flüssen und Wa s serfällen sowie in den Tälern nach ihm Au s schau gehalten. Aber wir haben keine Spur von Harman en t deckt.«
»Er lebt noch«, sagte Ada schlicht. Dabei legte sie die Hand auf ihren geschwollenen Bauch. Das tat sie immer – er war nicht nur ein Element ihrer Verbindung mit Harman, sondern er schien auch zu
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