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Olympos

Titel: Olympos Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
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aber schuf den Schrecken und den Wahnsinn, das Verbr e chen und die Gewissenspein«, fährt Asia fort, ihre Stimme so e r barmungslos wie das Gebrabbel eines Zweijährigen, der gerade gelernt hat, wie man ein Gespräch mit einem Erwachsenen au f rechterhält, indem man hundertmal »Warum?« fragt, »die von den Gliedern der großen Kette aller Dinge sich zu jeglichem G e danken in der Seele des Menschen schwingen und ihn niede r ziehn, dass jeder keuchend unter ihrer Last nach se i nem Grabe schwankt? – Wer schuf die Hoffnung, die schnell vereitelte, und Liebe, die in Hass sich wandelt? Wer die Selbs t verachtung, die bitt ’ rer noch zu trinken ist als Blut? Wer schuf die Qualen, deren unverhohl ’ ne, vertraute Sprache klägliches Geheul und geller Jammerschrei sind Tag für Tag? Wer schuf … «
    Sie bricht ab.
    Achilles hofft, dass es irgendein Tartaros-Kataklysmus ist, der ihre Welt vernichten und Asia und ihre beiden schreienden Schwestern verschlingen wird wie mit Honig überzogene App e tithappen bei einem Myrmidonenfestmahl, doch als er sich mit aller Kraft erneut zwingt, die Augen zu öffnen, sieht er, dass es nur ein Kreis aus hellem Licht ist, der sich öffnet und gleißendes Weiß ins rote Halbdunkel wirft.
    Ein Bran-Loch.
    Im Licht dieses Lochs zeichnen sich die Umrisse eines kaum menschenähnlichen Wesens ab. Es ist zwar ungefähr wie ein Mensch geformt, besteht aber aus metallischen Kugeln – nicht nur eine Kugel, wo der Kopf sein sollte, sondern Kugeln für den Rumpf, Kugeln für die ausgebreiteten Arme, Kugeln für die ta u melnden Beine. Nur die Hände und Füße – in ein Metall gehüllt, das heller ist als Bronze – sehen andeutungsweise menschlich aus.
    Das Wesen kommt näher, und zwei gleißende Lichtstrahlen st e chen von den kleineren Kugeln seiner Schultern ins Dunkel. Ein rotes Licht, dünn wie ein Speer, schießt aus seiner rechten Hand hervor und spielt über die Okeaniden-Schwestern, sodass ihre Haut zischt und aufplatzt. Die Titaninnen taumeln zurück und waten durch Lava, offenbar kaum verletzt von dem roten Strahl, aber sie beschirmen ihre Gesichter und Augen vor dem schmer z haften weißen Licht, das aus dem Bran-Loch strömt.
    »Gottverdammt, Achilles, willst du da einfach so liegen ble i ben?«
    Es ist Hephaistos. Achilles erkennt die hohlen Eisenkugeln jetzt als eine Art Schutzanzug mit eisenbeschuhten Füßen und schw e ren Schutzhandschuhen, die aus den Kugelketten he r auskommen. Auf dem Rücken trägt er so etwas wie einen dampfenden, rül p senden Atemtornister, und die oberste Kugel ist durchsichtig wie Glas; im reflektierten Licht der Schulterstrahler und der Handl a ser kann Achilles das hässliche, bärtige Gesicht des Zwerggottes ausmachen.
    Achilles bringt ein schwaches Quieken hervor.
    Hephaistos lacht. Die Lautsprecher in seinem Druckanzug ve r stärken das hässliche Geräusch. »Die Luft und die Schwe r kraft hier sagen dir nicht so recht zu, hm? Na schön. Schlüpf da rein. Das ist eine Thermohaut. Mit der kannst du besser atmen.« Der Gott des Feuers und der Handwerkskunst wirft Achilles ein u n glaublich dünnes Kleidungsstück auf den Felsbrocken.
    Der Held versucht, sich zu bewegen, aber die Luft schwächt und verbrennt ihn. Er kann nur zappeln, husten und würgen.
    »Ach, du Scheiße«, sagt der verkrüppelte Gott. »Ich muss dich wohl anziehen wie einen Säugling. Das habe ich befürchtet. Lieg still, hör auf zu zappeln. Wehe, du bekotzt mich, während ich dich ausziehe und in dieses Ding stecke.«
     
    Zehn Minuten später – ein Wandvorhang von Hephaistos ’ Fl ü chen hängt wie leuchtender Rauch aus den Vulkanen in der Luft – steht Achilles aufrecht auf festem Gestein neben Hephaistos. U n ter seiner Rüstung trägt er eine goldene Thermohaut, er atmet mühelos durch die durchsichtige Membran in deren Kapuze – die »Osmosemaske«, wie der Zwerggott sie genannt hat –, schwingt seinen von Säure verätzten Schild und sein immer noch blitzendes Schwert und starrt zu der turmhoch aufragenden, aber immer noch verschwommenen Masse des Demogorgon hinauf. Er fühlt sich wieder unverwundbar und ist ganz schön sauer. Achilles hofft nur, dass die Okeanide namens Asia wieder eine ihrer en d losen Fragen stellt, damit er eine Rechtfertigung hat, sie wie einen Fisch auszuweiden.
    »Demogorgon«, ruft Hephaistos mit Hilfe des Verstärkers, der in seinen Goldfischglas-Helm eingebaut ist, »wir sind uns schon einmal begegnet, vor über neunzehnhundert

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