Orks vs. Zwerge
Blick glitt nervös über ihre Reihen.
Zumindest wussten die Männer seiner Mauerwacht, wie man sich Respekt verschaffte. Um den steten Strom der Händler und Reisenden am Laufen zu halten, mussten sie ordentlich brüllen können und sich nicht zu schade sein, die Ärmel hochzukrempeln, um kräftige Kopfnüsse auszuteilen. Das war es aber auch schon. Handfeste Keilereien kamen unter Dalkar zwar häufiger vor und hier und da eine Messerstecherei zwischen Menschen, aber die Ehre verbot es den Dalkar, ohne Herausforderung mit tödlichen Waffen aufeinander loszugehen. Dazu kam, dass die Wachtleute in ihrem Leben schon eine Menge Reden gehört hatten. Allein am Tor mussten sie tagtäglich die Bitten und Drohungen der Reisenden über sich ergehen lassen, die von ihnen abgewiesen worden waren. Wer das mal ein paar Jahre mitgemacht hatte, war durch nichts mehr so leicht zu beeindrucken.
»Folgen Sie einfach Ihrem Instinkt«, zischelte Dvergat. »Sagen Sie etwas Großes.«
Talus schnaufte. Dvergat hatte gut reden, der stand ja nicht an seiner Stelle. Er atmete tief durch, umklammerte den Griff seiner Axt und trat vor. Auf in die Schlacht.
»Läuft gerade ziemlich beschissen da draußen, was?« Die Männer blickten ihn finster an, die Lippen zusammengepresst und die Arme vor den Körpern verschränkt.
Das war vielleicht kein guter Anfang, aber es war zumindest einer. Nun gab es kein Zurück mehr.
»Ich meine, so richtig beschissen.« Talus’ Axt wies auf die brennenden Dächer der Stadt. »Die Ostmauer ist gefallen. Die Drecksorks haben sie einfach überrannt und sind bis zum Amphitheater vorgedrungen. Aus der Weststadt haben wir seit Stunden keine Lebenszeichen gehört, und die Brücken hinter unseren Rücken sollen gesprengt werden.« Eisiges Schweigen. »Die Stadt wird aufgegeben, so viel steht fest. Unsere Familien – sofern wir überhaupt welche haben – sind bereits in den Süden geflohen.« Talus rieb sich über die Glatze. Trotz der Kälte fühlte sie sich schweißnass an. »Dem Generalstab sind wir völlig egal. Sonst hätten sie uns nicht wie Menschen an irgendwelchen Flanken postiert und eine Bande von Kindern vor die Bärte gesetzt, die uns Befehle geben. In glänzenden Panzern und mit Waffen am Gürtel, an deren Klingen noch keine einzige Scharte ausgewetzt wurde. Die meisten von denen sind noch keine fünfzig Winter alt.« Bedeutungsvoll spuckte er auf den Boden.
Die alten Gesichter wurden noch finsterer, und hier und da knackte und knirschte es, wo sich vernarbte Hände zu Fäusten ballten.
»Und dann verpatzen sie es. Mit einem Mal sind wir die Einzigen, die diesen gottverdammten Platz hier verteidigen sollen. Ganz so, als ob wir ihnen etwas schuldig wären.« Talus breitete die Arme aus. Ein schlecht sitzender Lederriemen drückte sich ihm in den Rücken, und er bewegte unauffällig die Schultern, bis er in Position rutschte. »Aber sind wir ihnen etwas schuldig? Ich glaube nicht. Also warum, so frage ich euch, warum sollen wir eigentlich kämpfen?«
Er warf einen fragenden Blick in die Runde. Vom Leben enttäuschte Gesichter schauten zurück, verschlossen, verbittert und desillusioniert. Sogar ein paar junge waren darunter. Die, die schon früh vom Glück verlassen worden waren, denen eine Hand, ein Fuß oder ein Auge abhandengekommen war und denen Anerkennung und Ehrung für alle Zeit verwehrt bleiben würden.
Er räusperte sich und hob die Stimme. »Ich verrate es euch: Weil es jemand tun muss!« Die Axt beschrieb einen Bogen über die Stadt. »Diese ganzen Idioten in ihren glänzenden Panzern haben uns den Schlamassel eingebrockt. Solange noch Ruhm zu verdienen war, sind sie herumstolziert und haben große Reden geschwungen. Doch jetzt, wo es nur noch Dreck zu fressen gibt und das Volk der Dalkar wirklich Hilfe braucht, sind sie nutzlos wie Menschen. Jetzt ist es an der Zeit, hinauszugehen und unsere Arbeit zu tun. So, wie wir es schon immer getan haben, weil andere sich zu schade dafür waren. Weil wir uns nicht zu schade dafür sind. Weil wir Dalkar sind.«
Als er fertig war, standen die Männer eine Weile schweigend da, und Talus hielt die Luft an. Ein alter Dalkar trat vor. Das halbe Gesicht von einer üblen Brandnarbe verunstaltet, auf der nicht einmal mehr der Bart wuchs. Ein halber Dalkar, bezeichnend für sie alle. Er baute sich direkt vor Talus auf und stemmte die Arme in die Hüften. »Ay.« Er nickte langsam. »Weil es jemand tun muss.«
»Ay«, stimmte ihm ein einarmiger Schmied
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