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Palast der Schatten - historischer Kriminalroman

Palast der Schatten - historischer Kriminalroman

Titel: Palast der Schatten - historischer Kriminalroman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gmeiner-Verlag
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schlappen Kohlblättern glichen, die Gewehrläufe mit Astern, Levkojen und Rosen verziert, als würde der Feind mit Blumen beschossen. »Siegreich woll’n wir Frankreich schlagen! In zwei Wochen sind wir zurück!«, brüllten einige Stimmen. Tausende Stiefel klapperten dazu auf dem Straßenpflaster. Einen Fuß vor den anderen setzend, schritten die Männer im Takt. Graue Larven im Einheitsschritt, unter denen die Erde erbebte.
    Auf dem Bahnsteig trompetete eine Blaskapelle Volksfestweisen. Alle Wagen waren mit Girlanden und Kriegsflaggen geschmückt. ›Auf zum Preisschießen nach Paris‹ und ›Immer feste druff‹ stand mit weißer Kreide an die Waggonwand geschrieben. Die Wagentüren standen offen. Die Musik spielte immer lauter. »Franz, wo ist mein Franz? Lasst mich doch noch mal zu meinem Sohn!«, rief eine weinende Frau. »Warum darf ich nicht mitgehen, ich will mit!«, jammerte ein kleiner Junge. Er zerrte an der Hand der Mutter.
    Ein Trompetensignal ertönte. Alle Soldaten drängten sich in die Waggons. Einige Frauen hielten ihre Kinder vor die offenen Fenster, damit sie ihrem Vater einen letzten Kuss geben konnten.
    Bevor Theo einstieg, zog er die Rose aus dem Gewehrlauf und überreichte sie Carla. Carla umarmte ihn wie eine Irrsinnige. Theo küsste ihre feuchten, furchtsamen Knopfaugen. Mit dem Geschmack ihrer Tränen auf der Zunge bestieg er den Zug. Er streckte seinen mit der Soldatenkappe bedeckten Kopf aus dem Fenster. Einer von Millionen Kappenköpfen. »In der Heimat, in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn«, sang es aus den Kappenköpfen heraus.
    Carla winkte und weinte gemeinsam mit den vielen anderen Frauen und Kindern auf dem Bahnsteig. Theo wedelte ihr mit einem weißen Taschentuch zu, während die schwarze Lunge der Lokomotive fauchend Rauch ausstieß. Gleich würde der qualmende Sarg in die Ferne ziehen. Schwerfällig setzte sich das Räderwerk in Bewegung, ratterte immer schneller, grölte schließlich klirrend und bedrohlich sein monotones Marschlied.
    Carla zerfloss in der Ferne. Sie schrumpfte zu einem schwarzen, winzigen Punkt, der sich im Nichts verlor. Theos Herz krampfte sich zusammen und seine Wanderlust verwandelte sich in einen bösen Traum.
    Carla winkte, winkte. Ihr Tuch schnitt durch die tränenerstickte Sommerluft, hinter deren Vorhang Theo ins Ungewisse entschwand.

    Ende des zweiten Aktes

3. Akt

Zwei Freunde
    Die Nacht senkte sich auf die Stadt nieder. In der Wohnung war es still. Nur die Wanduhr tickte ihr erbarmungsloses Ticktack, Ticktack. Carla ergriff Theos Hemd und roch daran. Sie wünschte sich, seine Schritte im Flur zu hören, ihm einen Kuss zu geben, wie immer, wenn er nach Hause kam. Aber es war still. Nichts regte sich. Nur das Ticktack der Wanduhr hämmerte in ihren Ohren. Sie legte sich mit dem Hemd im Arm ins Bett, zog die Decke über sich. In der Dunkelheit stieg ihre Angst um Theo ins Unermessliche. Sie umfasste sein Hemd, verbarg den Kopf darin, sog seinen Geruch ein.
    Ein weiterer Gedanke quälte sie. Sie wusste, was sie zu tun hatte. Aber wie? Wie nur? Mit Geld. Mit Geld konnte man alles kaufen. Sie hatte den Ring. Den Ring aus Platin mit Brillantenbesatz. Sie musste jemanden finden, der … Ihre Gedanken flatterten, ihr Kopf schmerzte. Wen fragen? Hans und Guste fielen aus. Sie würden zu Theo halten und ihm alles erzählen. Es blieb nur Max. Er sprach weder über sich noch über andere, war ein schweigsamer, zurückgezogener Mensch. Max wusste vielleicht eine Lösung. Morgen nach der Vorstellung würde sie ihn ansprechen.

    Die Kinojungen hatten bereits den Müll aufgesammelt und waren nach Hause gegangen. Guste brachte die Kasse.
    Â»Hans, bist du so weit? Ich bin hundemüde.«
    Â»Ich komm ja schon.«
    Â»Gute Nacht, Carla, bis morgen.«
    Â»Gute Nacht.«
    Die Tür fiel ins Schloss. Carla hörte Max mit den Filmbüchsen klappern. Sie drehte den Kopf zur Vorführkabine. Das Kabinenlicht erlosch. Er trat aus dem Verschlag, schritt an ihr vorüber, hob die Hand.
    Â»Gute Nacht, Carla, bis morgen.«
    Sein steifes Bein schleifte an ihr vorüber.
    Â»Max, bitte warte.«
    Max blieb stehen.
    Â»Was gibt’s?«
    Â»Ich … ich brauche deine Hilfe.«
    Die Wörter brannten ihr auf der Zunge. Ihre Augen flackerten ängstlich.
    Â»Max, ich brauche … ich brauche verschiedene

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