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Palast der Schatten - historischer Kriminalroman

Palast der Schatten - historischer Kriminalroman

Titel: Palast der Schatten - historischer Kriminalroman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gmeiner-Verlag
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nahm dieser schreckliche Krieg ein Ende? Nur Arbeiten half gegen ihre Angst. Solang sie Beschäftigung hatte, vermochte sie ihre Gedanken auszuschalten.
    An der Kreuzung flackerte ein Licht auf. Eine Frau zog mit einer Laterne durch die Düsternis. Das Licht schaukelte die Straße entlang. Carla legte die Stirn an die Scheibe. Wo bist du, Theo?

Die Feuertaufe
    Sie trugen volle Kampfausrüstung und hatten zwölf Kilometer bis zum Ausgangslager zu marschieren. Meter für Meter dröhnten ihre Stiefel durch die Landschaft. Plötzlich erstarb der stampfende Gleichschritt. Die Männer gingen in Deckung. Eine Granate zischte über sie hinweg.
    Der Weitermarsch wurde zu gefährlich. Sie machten Halt in einem Wald, um die Dämmerung abzuwarten. Einige Männer holten Papier und Stift hervor und schrieben ihre Abschiedsbriefe, in der Furcht, nicht zu überleben. Andere lachten überheblich.
    Als es dunkelte, setzten sie ihren Marsch fort. Sie schritten, einer Eisenbahnlinie folgend, durch die Nacht. Plötzlich erhellte ein Blitz den Himmel, gefolgt von einem scharfen Knall. Alle sprangen in einen Verbindungsgraben, dann wieder hinaus, wieder hinein, hinaus. Sie mussten das Lager vor Tagesanbruch erreichen, denn sobald die Sonne aufging, würde das Bombardement stärker. Schnell. Schnell. Theo folgte den anderen. Die Angst hatte sein Denken gelähmt. Sie stolperten durch die Dunkelheit, erreichten ohne Verluste ihr Ziel.
    Theo kroch mit seinen Kameraden in den flachen und engen Schützengraben. Dicht an dicht drängten sie sich in die Erdvertiefung. Theo stieg der Geruch von Erde und schweißdurchtränktem Militärstoff in die Nase. Einige der Männer verstummten, andere scherzten und lachten. Oder sie machten sich glauben, nur die anderen würden getroffen. Theo glaubte das nicht. Sein Herz schlug immer schneller. Er blickte in den Himmel. Die Sterne leuchteten ihm aus dem Dunkel entgegen. Abertausend Grabkerzen flimmerten über ihm. Ich will nicht, ich kann nicht. Doch wenn er den Befehl verweigerte, würde man ihn erschießen. Ich werde mich nicht weigern anzugreifen, wenn es so weit ist, beschloss Theo, aber ich werde niemanden töten. Jetzt nicht und überhaupt nicht. Ich kann es nicht.
    Bis zur Dämmerung lagen sie eng beieinander. Es war eigentümlich still. Weder Explosionen von Granaten noch Gewehrschüsse waren zu hören. Im Morgengrauen begannen die ersten Vögel zu singen. Kurz darauf fiel der erste Schuss. Es dauerte keine Minute, bis sich die Luft mit einem Seufzen erfüllte, das wie Kinderweinen klang. Es schwoll zu einem Heulen an und endete mit einem harten, scharfen Knall. Ein Stoß ins Trommelfell. Das Geschoss explodierte genau über ihren Köpfen. Krachen. Knallen. Krachen. Knallen. Erde spritzte auf in schwarzen Lawinen. Rauchschwaden vernebelten die Landschaft. Theo presste sich auf den Boden des Grabens, hielt den Tornister über seinem Kopf.

    Der Rauch verflog und ließ den Tod zurück. Die Kameraden lagen über das Feld verstreut, in seltsamen, geknickten Stellungen. Verrenkt, gekrümmt, auf dem Rücken, auf dem Bauch, das Gesicht gen Himmel gerichtet oder in die Erde gegraben. Eben waren es noch lebende, junge Männer gewesen, jetzt lagen sie da als zerfetzte, zermalmte Körper mit fehlenden Gliedmaßen und Gesichtern.

    Sie hoben Leiche für Leiche auf eine Plane, um sie zu einem unfertigen Schützengraben zu ziehen, der als Grab dienen sollte. Obwohl viele Körper zerfetzt waren, konnten sie jeden Einzelnen von ihnen erkennen. Theo trug Karl, den Melder, Anton, den Koch, und Martin, der ihm den Kamm geliehen hatte. Auch der kleine Rekrut war dabei. Ein Kind noch, das unbedingt das Artilleriebrett halten wollte. Und Robert, der Zirkusartist.
    Theo starrte mit weit aufgerissenen Augen in die Leichengrube. Er sah sich neben ihnen liegen, mit seiner Uniform und dem Helm auf dem Kopf, die gebrochenen Augen offen, der Mund in aufklaffendem Entsetzen erstorben. Er sah, wie er aus dem Totenloch herauszukriechen versuchte, doch es gelang ihm nicht. Er zitterte am ganzen Körper. Dann brach ein Lachen aus ihm heraus, das wie ein schweres Maschinengewehrfeuer knatterte.

Der Liebe Lust und Leid
    Carla hatte in der Nacht von Theo geträumt. Sie waren umhergezogen und hatten Schuhe und Beine gefilmt. Stiefel, Pumps, Pantoffeln, Männerbeine, Frauenbeine. Sie hatten Schuberts ›Forelle‹ dazu

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