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Palast der Schatten - historischer Kriminalroman

Palast der Schatten - historischer Kriminalroman

Titel: Palast der Schatten - historischer Kriminalroman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gmeiner-Verlag
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den sie erobern oder verlieren würden. Der Ostwind und die lähmende Stille fraßen an ihm. Frieren und Stillhalten war schlimmer als Töten. Stillhalten und Schweigen war schlimmer als Töten. Stumm sein und vor Angst erfrieren war schlimmer als Töten.
    Warten. Soldatengesichter. Der Mund geschlossen. Die Gegenwart war so trostlos wie die Zukunft, sagten ihre Augen. Soldatengesichter.
    Theo graute davor, hinter sein Gesicht zu sehen, denn dort lauerte sein Inneres, von dem er nichts wissen wollte. Doch sein Gesicht war porös geworden, die Haut dünn und durchscheinend, als wäre sie von den Läusen durchbissen und ausgesaugt. In seinem Kopf jagten Fetzen von Bildern und Gedanken. Es war so viel Tod in ihm. Er hielt es nicht mehr aus, im Leichenwasser zu faulen. Konnte sich nicht gewöhnen. Sie vegetierten unter der Erdoberfläche, bewegten sich in kilometerlangen Gängen, in einem endlosen Netz aus Höhlen, gleich Würmern krochen sie durch die Gräben, in denen der Krieg hauste und das Blut in Strömen floss, in denen sie im fauligen Moder der verwesenden Welt untergingen.
    Theo rührte sich nicht. Der Krieg hatte seine Seele ausgetrunken. Er war ein absterbender Baum. Kahl, völlig nackt, astlos, mit faulenden Wurzeln. Er zerbröckelte, löste sich allmählich auf. Starb, ohne tot zu sein. Ich bin nicht, ich war, und doch bin ich, dachte Theo. Lieber morden als denken, lieber morden, dann passte er wenigstens zu seiner Umgebung, dann war er eins mit dem Wahnsinn um ihn herum.
    Â»Männer, ich mach aus euch ein Massengrab!«, schrie der Oberstleutnant. Warum starb er nicht? Er sehnte sich nach einer Kugel. Kein Schützengraben mehr. Kein Hunger. Kein Regen. Keine Nässe. Tag und Nacht beschossen. In Dreck und Kot und Blut bis an die Knie. Keine zerfetzten Kameraden mehr. Bilder. Bilder. Die Augen des Schwerverwundeten stürzten auf ihn nieder, in denen der Tod sich schon festgekrallt hatte. Gefreiter Theo Blum stach ihm in den Bauch. Flehender Blick des Sterbenden im Kampf gegen die Todesangst, Augen, die sein Leben lang hinter Blums Gesicht lauern würden. Blum, der die Leiche mit einem Fußtritt von der Klinge stieß. Theo Blum.
    Hoffnungswolken zogen auf. Vielleicht, vielleicht ließ der Friede die Toten wieder auferstehen. Eines Tages würden sie aus den Gräbern und Gruben kriechen und in langen Kolonnen durch die Welt ziehen, schattenhaft grau, über verkrustete Blutlachen hinken oder ohne Arme und Beine rollen, mit halben Gesichtern ohne Kinn und Wangen, als Gerippe mit schwarzen Fledermausflügeln, die sich in die Höhe schwingen, um ihre Knochen als mahnende Gedankennägel auf die Menschheit niederprasseln zu lassen. Dazu klappern die Totenköpfe und pauken die Rümpfe Friedenslieder.
    Hirngespinste. Nichts als Hirngespinste. Grabenträume. Er war krank. Krank.
    Ãœberall schwarze Verwesung, Aasgeruch. Trümmerfelder. Aasgeruch. Verstümmelte Frauen, Kinder, Soldaten. Kinder. Vielleicht könnte man wenigstens die Kinder wieder zusammenflicken, die Fliegen von ihren Leibern verjagen, zusammenflicken und zum Leben erwecken.
    Theo erblickte die Bestie, die in ihm saß, den Schlächter, der zugleich Schlachtvieh war, das Schwein, das hinter seinem Gesicht hockte und lauerte.
    Carla! Ein Rest von Liebe erwachte in ihm. Theo lächelte, als würde ein eiserner Riegel seinen Mund zusammenpressen und ihn hinabziehen. Der andere, der andere Theo hatte sie geliebt, nicht der, der er jetzt war. Ein lautloses Heulen stieg aus seiner Kehle, dann taubes, zersplittertes Gelächter, das aus den Tiefen seines zerrissenen Seins quoll. Genug. Genug. Lieber morden, morden, dann passte er wenigstens zu seiner Umgebung, dann war er eins mit dem Wahnsinn um ihn herum. Stimmloses Kichern. Starb, ohne tot zu sein. In seiner feucht-fettigen Uniform mit zerrissenem Futter, die ihm seit sieben Wochen an den Leib geheftet war. An den Füßen die durchnässten Stiefel, in denen das Blut stand. Lag im Graben.

Kriegerfrauen
    An jeder Litfaßsäule stand es angeschlagen.

    â€ºWir Frauen und der Krieg. Vortrag von Frau H. Reschke, Sonntag, 11 Uhr, Volksheim am Stadtbrunnen, Versammlungssaal‹

    Carla schloss die Wohnungstür. Guste wartete bereits im Flur. »Wir sind spät dran. Beeil dich. Ich möchte zu Fuß gehen. Das Wetter ist so schön.«
    Sie trippelten die Treppe hinunter.
    Â»Der hellgraue Mantel

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