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Parallelgeschichten

Parallelgeschichten

Titel: Parallelgeschichten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Péter Nádas
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nichts mehr begriff, aber auch Doktor Szemző verstand es nicht.
    Was für ein Mittagessen sollen wir verpasst haben, Herzchen.
    Sie würden vom Krankenhausdirektor im Restaurant Drágffy zu einem Fischessen erwartet, es sei ein lieber Kollege ihres Mannes, fügte Frau Szemző beinahe verzweifelt hinzu, damit wenigstens einer der beiden Männer die Situation verstand.
    Je länger sie sich mit den obligaten Höflichkeitsfloskeln abquälten, umso peinlicher wurde die Situation, auch wenn keiner von ihnen genau wissen konnte, wieso eigentlich.
    Als würde Madzar in seiner eigenen Geburtsstadt von Wildfremden aus seinem Leben ausgeschlossen.
    Er galt als höflicher Mensch, und so bestand sein Leben aus dem Bedienen fremder Wünsche.
    Sagte sich Madzar ärgerlich.
    Doktor Szemző seinerseits fragte sich, warum er eigentlich in diesem muffigen Provinzhotel gelandet war, und blickte sich gründlich um, wollte sehen, wo er sich eigentlich befand.
    Also, dann auf acht Uhr heute Abend, verabschiedeten sich alle drei leichthin. Und schon hätte ihre beklemmende Situation beendet sein können, aber da musste über den roten Läufer der Treppe Geheimrat Elemér Vay heruntergestiegen kommen.
    Freiherr von Bellardi hatte ihm auf der Carolina Madzar flüchtig vorgestellt, daran erinnerte sich der Geheimrat vage, aber was es mit diesem schlicht aussehenden jungen Mann, der ihn unten an der Treppe mit einem zuvorkommenden Lächeln erwartete, auf sich hatte, wusste er nicht mehr. Sie konnten nicht vermeiden, ein paar herzliche Worte zu wechseln, man hatte sie ja miteinander bekannt gemacht. Aber wie hätte sich Geheimrat Vay an die Person des jungen Mannes erinnern sollen. Es interessierte ihn ganz allgemein nicht, mit wem er sprach, auch auf der Carolina war es ihm gleichgültig gewesen, wen ihm Bellardi da vorstellte. Unwichtige Personen interessierten ihn nicht, und da er vierzig Jahre auf den oberen Etagen der öffentlichen Verwaltung verbracht hatte, täuschte er sich selten. Immerhin hatte er sogleich registriert, dass Bellardi mit diesem Bekannten wieder einmal danebengegriffen hatte.
    Aber Madzar blieb nichts anderes übrig, als den rigorosen Höflichkeitsregeln Genüge zu tun und dem respektgebietenden großen Herrn das an seiner Seite verbindlich lächelnde Ehepaar vorzustellen und dazu beizutragen, dass man einige glatte, launige Sätze tauschte. Um dann allseits unter den besten Empfehlungen und Komplimenten den Kopf voreinander zu neigen und in der unerbittlichen Kühle der eingeschliffenen Bewegungen freundlichst voneinander zu scheiden.
    Der Geheimrat wurde am Eingang von einem ranggemäßen Automobil erwartet, einem grau glänzenden Mercedes Nürnberg mit makellos strahlenden schwarzen Kotflügeln und den bequemen breiten Trittbrettern; geschickt vom Herzog von Montenuovo.
    In diesem Moment kochte Madzar bereits innerlich. Was man seinen auf Lächeln eingestellten, klaren Gesichtszügen nicht ansah. Man zeigte sich die Zähne, womit man sich ja bizarrerweise seiner friedlichen und freundlichen Absichten versichert. Als würde man dieses eine Mal auf seine gefährliche Tierhaftigkeit verzichten. Elemér Vay war von der zufälligen Begegnung nicht entzückt. Aber auch ihm sah man das nicht an, und jetzt schritt er ganz zufrieden durch die Halle. Er war frisch rasiert, hatte vorhin in einer Duftwolke gestanden, jetzt zog er sie mit. Sein Anzug aus feinster grauer Baumwolle war frisch gebügelt, die Bügelfalten der Hosenbeine klingenscharf. Er trug einen auffällig bunten, zu seiner ernsten Erscheinung keineswegs passenden Seidenschlips, ein Geburtstagsgeschenk seiner jungen Frau, den kleinen Ausrutscher gestattete er sich. Seine zweifarbigen Oxford-Schuhe mit der braunen Flügelkappe auf weißem Veloursleder mit wunderschönen Lyralochungen glänzten, der Hausdiener hatte sie mit Spucke gründlich poliert. Schon im Hinblick auf den streng vertraulichen Charakter seiner Verhandlungen musste dem Geheimrat die zufällige Begegnung unangenehm sein.
    Aufgrund seiner hohen gesellschaftlichen Stellung war es zuweilen schwierig, zuweilen ganz unmöglich, durch den Schein hindurch zum jeweiligen wahren Sachverhalt vorzudringen, was aber auch nicht immer nötig war.
    Pah, sagte er sich in solchen Fällen, Bagatelle. Warum sollte etwas, das er nicht wusste, wichtig sein.
    Der Empfangschef kam hinter der Rezeption herausgeeilt und begleitete ihn unter tiefen Bücklingen zum wartenden Automobil, das auf der anderen Straßenseite von

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