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Parallelgeschichten

Parallelgeschichten

Titel: Parallelgeschichten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Péter Nádas
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können.
    So weit ist es mit mir gekommen.
    Natürlich war ihm ziemlich klar, wie es hatte geschehen können. Als wäre er, in seinem Körper eingeschlossen, gezwungen gewesen, gleichzeitig in mehreren, parallel funktionierenden Welten zu leben, und er hätte diese Welten jetzt vor lauter Spannung verwechselt. So hatte er Frau Szemző schamlos eine seiner versteckten Persönlichkeiten gezeigt, was sie, ohne Kenntnis dieser seiner verborgenen Welt, zum Glück gar nicht verstanden hatte.
    Als er lange Jahrzehnte später an das alles zurückdachte, musste er traurig feststellen, dass er trotzdem nie glücklicher gewesen war als in den darauffolgenden kurzen Tagen, die die Szemzős in seiner Geburtsstadt verbrachten, während er den Körper der Frau unter Qualen begehrte.
    Jetzt konnte er sich nicht mehr sagen, dass sie ihm nicht gefiel.
    Ein einziges Mal umarmten sie sich in der Nachmittagsstille der Werkstatt, zwischen den Gestellen der Möbel, und da spürten sie es.
    Es war ein kurzes Glück, das man nie fasst, außer wenn man sich plötzlich daran erinnert.
    Wenn er zuweilen auch glücklich war, dann wohl auf tiefere Art, ohne jegliches Drama, aber nie mehr so dunkel und leichthin.

Wie ein feines Uhrwerk
    Oh, ich möchte Sie keinesfalls Ihrer geschätzten ungarischen Freundin entreißen, das wäre mir unangenehm, antwortete Otmar Freiherr von der Schuer auf Baronin Thums kraftlosen Protest und blieb in der Menge, die aus der hübschen kleinen St.-Annen-Kirche in Dahlem strömte, plötzlich stehen.
    Bitte um Verzeihung für meine Unaufmerksamkeit, fügte er in dem sonnig heiteren, aus der Strenge des Gottesdienstes entlassenen Stimmengewirr selber laut hinzu. Er hatte leichtes Spiel, er überragte die Menge, während die beiden Damen einige Kraft aufwenden mussten, um der lebhaften Flut von Menschenleibern höflichen Widerstand zu leisten.
    Der warme Vormittag Ende August duftete immer mehr nach Harz, zum Plaudern musste man die beiden Glocken übertönen, die den Gläubigen das Geleit gaben.
    Was einen sehr seltsamen Eindruck machte.
    Wir würden natürlich Sie beide sehr gern bei uns zu Gast haben, das ist doch ganz selbstverständlich, vollkommen selbstverständlich. Und er neigte kurz seinen schönen, glattgedrechselten soldatischen Kopf vor der Gräfin Auenberg, deren Bekanntschaft er gerade gemacht hatte. Er hoffte ehrlich, dass es nicht dabei bleiben würde. Falls Sie einer solchen überstürzten Einladung, die aber ganz von Herzen kommt, entsprechen mögen, dessen darf ich Sie doch wirklich versichern, sagte er leiser, denn die Glocken waren nach zwei kleinen Nachschlägen plötzlich verstummt, über dem Gewirr menschlicher Stimmen war der Gesang der ihre zweite Brut bewachenden Amseln zu hören.
    Gräfin Auenberg wusste nicht, wessen Sie versichert sein sollte und warum der Freiherr so viele Füllwörter verwendete, aber das war es nicht, was sie beschäftigte. Sie blickten sich stumm und verzaubert tief in die Augen, durch die gewölbten Lichter und Spiegelungen der Augenbälle hindurch, was Baronin Thums Aufmerksamkeit keineswegs entging, im Gegenteil, es war so ungezügelt, dass es ihr beinahe den Atem verschlug.
    Die hoch oben singenden Amseln, die Zaunkönige, die einem um die Ohren pfiffen und die auf dem Boden in Scharen tschilpenden Spatzen vermittelten ihnen ein starkes Raumgefühl.
    Sie kannten sich darin gewissermaßen im Handumdrehen aus.
    Aber doch, sehr gern, sagte die Gräfin mit einiger Zurückhaltung, von der Tiefe des Blicks und einem Gefühl der inneren Weite ein wenig verwirrt. Fast ungehalten. Was sie selbst gleich hörte und mit überströmender, perlender, wenn auch nicht ganz überzeugender Begeisterung wettmachte. Sie erhob gewissermaßen die Stimme über die Gefühle, denn sie sah schon, dass von der Schuer bei weitem nicht der brave Junge war, als den er sich zu geben versuchte. Sie wurden von der Menge mitgestrudelt, und so wirkten alle ihre Sätze, als wären es die letzten. Gleich würde sie dem entrissen, den sie gerade kennengelernt hatte. Sie hatte wirklich nicht damit gerechnet, Gast eines so angesehenen Wissenschaftlers zu sein, eine unverhoffte Ehrung.
    Ungeachtet dessen, was sie in seinen Augen gesehen hatte, konnte sie seine Anziehung nicht leugnen, was beunruhigend war.
    Sie sei im Voraus zu Dank verpflichtet, sagte sie mit einem nervösen kleinen Lachen, was ihr Gesicht noch hübscher machte, sie würde nämlich der Gelegenheit nicht widerstehen können, ihn mit

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