Parallelgeschichten
Fragen zu überhäufen. Der Freiherr würde es ja nicht glauben, aber die Forschungen in Rassenbiologie und Vererbungslehre interessierten sie ungemein.
Von der Schuer fand die Begeisterung der Gräfin weder amüsant noch schmeichelhaft, er glaubte ihr einfach nicht, weil er felsenfest überzeugt war, dass Frauen sich nicht ausdauernd für einen wissenschaftlichen Gegenstand zu interessieren vermögen; er schaute noch eine Sekunde lang ausdruckslos auf diese immerhin verblüffende weibliche Erscheinung, dann beachtete er sie nicht mehr. Überhaupt hatte er von einer solchen Familie noch nie gehört, eine Ungarin mit deutschem Namen, wer war denn das. Frauen hatten bestenfalls für Einzelheiten Geduld oder verstanden sich aufs Sammeln von Daten. Jedenfalls muss ich mit Ihnen ein paar ganz persönliche und gleichzeitig strikt berufsbezogene Worte wechseln, sagte er, an Karla Baronin von Thum zu Wolkenstein gewandt, in einem völlig anderen, eher militärischen Ton.
Sie werden sicherlich verstehen, fügte er hinzu; er sagte das wegen der Anwesenheit der fremden Frau. Ihre Beziehung war äußerst gespannt, er beschränkte sich auf möglichst wenige Worte, um eine Diskussion zu vermeiden. Obwohl die Baronin gar nicht daran gedacht hatte, die unerwartete Einladung zum Mittagessen ausschlagen zu können, oder dass der Freiherr seine Unhöflichkeit erklären müsste. Sämtliche Mitarbeiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik waren von seinem drohenden Blick ehrlich eingeschüchtert. In der Erscheinung des Freiherrn war zwar nichts Drohendes, im Gegenteil, alles war glatt, makellos und ausgewogen, seine Umgangsformen, seine Kleidung, aber gerade diese Perfektion erinnerte sie an ihre eigene Unvollkommenheit, fast allen ging das so.
Man befleißigte sich ihm gegenüber eines vorauseilenden Gehorsams.
Baronin Thum dachte mit einem Mal aufgewühlt, ihr alter Traum könnte in Erfüllung gehen und sie würde nach Rom versetzt. Persönliche Mitteilungen oder unverbindliche Einladungen lagen ihrem Chef fern, aufgrund seiner hohen Stellung führte er zwar ein großes Haus, aber das waren alles gesellschaftliche Verpflichtungen.
Die plötzliche Einladung zum Mittagessen konnte doch nur den Grund haben, dass er ihre Versetzung nach Rom feierlich ankündigen wollte.
Jedenfalls konnte sich die Baronin nichts anderes vorstellen.
In von der Schuers Leben kam selbstverständlich Pflicht vor Genuss. Er war schnell, zuverlässig wie ein feines Uhrwerk, pflichtbewusst bis zur Demut, um den nie ausgesprochenen Wünschen seines angebeteten Vaters zu entsprechen, fleißig, im Urteilen peinlich objektiv, man hätte ihm schwerlich vorwerfen können, dass er sich irgendeiner weltlichen Macht beugte. Er stand im Ruf eines tiefgläubigen Menschen, und auf seine Art mochte er das auch sein. Noch immer fürchtete er nichts so sehr wie Liebesentzug, obwohl er selbst alles andere war als jemand, der seiner Liebe Ausdruck verlieh.
Seine heidnischen Erlebnisse hatten ihn angespornt, ein noch besserer Christ zu werden.
Wenn er mit den Nazi-Führern übereinstimmte, was längst nicht immer der Fall war, geschah es aus Überzeugung, nach bestem Wissen und Gewissen. Er hielt sich stets an einen höheren wissenschaftlichen oder religiösen Standpunkt, was seinen Meinungen große Überzeugungskraft verlieh, weswegen er sich erlauben durfte, manchmal auch zu widersprechen oder sogar grob zu werden.
Das Ansehen seines Fachgebiets stieg kontinuierlich, vermochte es doch in zahlreichen bevölkerungspolitischen Fragen direkte oder indirekte Lösungen zu empfehlen, während die anderen Regierungen, seien es Monarchien oder Demokratien, der stetigen Vermassung der Gesellschaft nur hilflos zusehen konnten. In gewissen bevölkerungshygienischen Fragen musste eventuell auch nach definitiven Lösungen Ausschau gehalten werden. Je dringlicher die Forderungen wurden, die man an sein Fachgebiet herantrug, desto steiler verlief seine Karriere. An seiner Korrektheit und Selbstlosigkeit bestand kein Zweifel, und da er den Überblick hervorragend zu wahren wusste, schied er fehlerlos das Wesentliche vom Unwesentlichen, und er verstand sich auch aufs Anordnen. Hatte auch große Übung darin. Nachdem sein Mentor, Professor Eugen Fischer, in den Ruhestand getreten war, hätte kein agilerer Mann mit der Leitung des weltberühmten Instituts betraut werden können.
Zudem brachte er die entsprechende Bildung
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