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Parallelgeschichten

Parallelgeschichten

Titel: Parallelgeschichten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Péter Nádas
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    Selbstverständlich wäre seine Anstellung trotzdem nicht in Frage gekommen, wäre seine Abstammung nicht bis in die dunkle Vorzeit rein arisch gewesen. Er selbst blieb rassistischen Bewegungen gegenüber instinktiv auf Distanz, da er für den Pöbel tiefe Verachtung hegte und Willkür für unstatthaft hielt, auch wenn er vor der Nähe jüdischer Individuen Widerwillen empfand, oder auch vor ihrer geistigen Präsenz. Die Charakteristiken des jüdischen Denkens verletzten seine Ansichten und seine ganze seelische Struktur, desgleichen die Tendenz der Juden zu übertriebener Emotionalität, ihre spektakulären Einfälle, ihre heftige Gestik, ihre vorlauten Stimmen in der Wissenschaft, ihre weichlichen Gesichtszüge und ihr Hedonismus; diese Gefühle ließ er aber praktisch nie laut werden, ja, er bekämpfte sie heldenhaft, mit seinem ganzen christlichen Bewusstsein. Als bemühe er sich, nicht etwas zu empfinden, das er nicht seinem Rang gemäß fand, und er hütete sich, in dieser Frage unter den Einfluss radikaler Äußerungen zu geraten.
    Mütterlicherseits stammte er aus einer baltischen Adelsfamilie, väterlicherseits aus einem nicht weniger alten kurhessischen Geschlecht, dessen männliche Abkommen traditionsgemäß Mitglieder der Althessischen Ritterschaft waren. Sein Vater hatte ihn öfter in die furchteinflößenden Stollen ihrer Minen mitgenommen, wo sie dann kilometerlange Märsche machten; diese Ausflüge fanden sonntags statt, nach der Frühmesse, vor dem traditionell späten Mittagessen. Hinunter unter die Erde, in den mit Hilfe von Pferden betriebenen Förderkübeln, viele hundert Meter, wo ihm der Vater beibrachte, aufgrund des Drucks auf seinem Schädel und in seinen Lungen die Tiefe des Stollens zu schätzen. Da unten herrschten Dunkelheit und Hitze, ein starker, kühler Luftzug, in der Stille knackten Gebälk und Stützwände, es tropfte, stellenweise kam Wasser heruntergestürzt, um weiter entfernt unter wahnsinnigen Schluckgeräuschen in einer Art Höllenschlund zu verschwinden; manchmal krachten die verlassenen Stollen donnernd ein, und der herunterprasselnde Schutt polterte erschreckend laut gegen die Grubenwagen.
    Das war nicht einfach ein Betrieb, sondern die Familie übte die uralten Bergbaurechte der von der Schuers aus.
    Die Sommer hatte Otmar mit seinen Geschwistern auf dem Gut seines Großvaters mütterlicherseits verbracht, wo sie ebenfalls früh lernten, zugunsten der Familie über andere zu verfügen und für andere zu sorgen. Die hohe Kunst der Disziplinierung und der Selbstdisziplin hatte den Jungen zutiefst geprägt. Er fühlte eine wahre Berufung zur militärischen Laufbahn. Er hatte auch Glück, denn kaum war er aus der Schule, begann der Krieg, und im September neunzehnhundertvierzehn, genau an dem denkwürdigen Tag, an dem die Nachricht von der Westfront kam, dass der belgische König Albert unter dem beharrlichen Angriff der Deutschen zur Aufgabe seiner ängstlich gehüteten Antwerpener Befestigungen gezwungen war, und dann freie Bahn nach Paris, durfte er in Gesellschaft weiterer begeisterter junger Aristokraten, oh, wie gern wären sie bei der Belagerung der Befestigungen dabei gewesen, als Fähnrichjunker ins hessische Schützen-Regiment Gersdorff einrücken. Freiwillig, wie man wohl gar nicht eigens zu betonen braucht, worauf er nicht mehr nur von patriotischen Gefühlen aufgewühlt war, sondern ebenso sehr von dem besonderen Umstand, dass sich mehrere hundert aus den besten Familien stammende junge Männer gleichzeitig splitternackt ausziehen mussten, um sich den Militärärzten zu stellen.
    Den Blicken der anderen ausgeliefert, standen sie zum ersten Mal so eng und so befangen in der Menge ähnlicher Hautfarben und Muskelpakete. Im großen Saal war es still geworden, beklommene Stille, während sie den Rest ihrer Kleider ablegten. Auf die Nachricht von der Siegesserie hin hatte sich das Volk auf der Straße versammelt, es wurde gejubelt, wildfremde Menschen schlossen sich in die Arme und küssten sich. Die Stille war vom Geruch der jungen Männer geschwängert, und es lag auch der Gedanke in der Luft, dass sie von nun an voneinander etwas wissen würden, das sonst niemand wusste.
    Gräfin Auenberg dachte daran, wie sehr sie dieser namhafte Wissenschaftler mit seiner ansehnlichen körperlichen Erscheinung, seinem Wuchs, seinen sensiblen Gesichtszügen und seiner unglaublichen Kraft an ihren Verlobten erinnerte, gar nicht zu reden von seinem Ernst und seiner

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