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Parallelgeschichten

Parallelgeschichten

Titel: Parallelgeschichten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Péter Nádas
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gottlosen Roten zerschlagen wurden und man also eine republikanische Herrschaft nicht zu befürchten brauchte.
    Eigentlich hatte sich in von der Schuers Leben an dem frühen Märznachmittag, als sich die bereits zuvor ins Leben gerufenen Freiwilligenkorps, sechs Kompanien stark, auf seinen Befehl hin aufstellten und in ihren neuen hechtgrauen, rangabzeichenlosen Uniformen über die Marbacher Landstraße auf den Dammelberg ausrückten, fast unmerklich schon vieles verändert, eine Vision oder Erkenntnis hatte es auf seine endgültige Bahn gelenkt. Es wurden mächtige Feuer angezündet und aus voller Kehle gesungen. Von der Schuers verfeinerte Musikalität, er spielte mehrere Instrumente, erlaubte ihm zwar nicht mitzusingen, er machte den Mund eher nur auf und zu, aber seinen Körper überließ er bedenkenlos der kollektiven Gefühlsseligkeit, während er mit feuergeblendeten Augen die im Dunst des nahen Flusses versinkenden Wiesen und die vom Sonnenuntergang rötlichen Mauern und Zinnen der imposanten landgräflichen Burg betrachtete. Gewissermaßen gleichzeitig das Organische, das Historische und das Anorganische, während sein Kriegsleben, das er hinter sich gelassen und zurückersehnt hatte, wohltuend in seine Glieder zurückkehrte.
    Grünschnäbel gab es unter ihnen kaum welche. Sie waren fast alle Offiziere, kriegserfahrene Athleten, kräftige, gesunde Männer, die ihre Verwundungen überlebt hatten und jetzt eigentlich studieren oder ihre durch den Krieg unterbrochene wissenschaftliche Laufbahn fortsetzen wollten.
    Von der Schuer war mit seinen Kriegserfahrungen nicht mehr allein.
    Es war ihm völlig klar, dass er sich von ihnen kaum unterschied und dass das sein großes Glück war.
    Er hatte eine Zugehörigkeit gefunden, aber augenscheinlich keine Persönlichkeit.
    Oder das, was die liberalen Denker Individualität nennen, hat im großen Spiel der Natur in Wahrheit nur einen kleinen Part. An sich ist die Persönlichkeit wahrscheinlich keinen Pfifferling wert. Unter diesen wackeren Mannen waren die Unterschiede in der Persönlichkeit nicht der Rede wert.
    Wir sind Exemplare, dachte er mit einigem Schrecken.
    Eigentlich sind wir die Erwählten der Natur und der göttlichen Vorsehung. Nicht nur geeignet für die Fortpflanzung, unsere Toten wären das ja genauso gewesen, sondern von einem rassischen Standpunkt gesehen sozusagen nunmehr die Wertvollsten, und das alles hat weder mit der Seele noch mit den individuellen Eigenschaften zu tun. Wer sonst sollte sich fortpflanzen, wenn nicht wir hier, die alle die Feuerprobe bestanden haben.
    Bestimmt hat die Vorsehung nur das gewollt, als sie die schwächeren Kameraden so unerbittlich ausmerzte.
    Diese begeisternde und peinliche Erkenntnis machte ihn im eigentlichen Sinn des Wortes benommen, wozu wohl auch der Rauch und der Lärm beitrugen. In der von der Vorsehung durchwirkten Natur funktionierte also das brutale Prinzip der natürlichen Selektion weit stärker als die Kraft der Liebe Christi. Aus der entsetzlichen deutschen Niederlage würde Jahrzehnte später ein weltumspannender Sieg werden. Im Licht dieser Erkenntnis wurden für ihn die prachtvollen Männer zu Mitgliedern einer Blutsbrüderschaft; die Zukunft der Nation schlummerte in ihren Lenden.
    Dieser heidnische Gedanke erschreckte ihn, aber er konnte nicht umhin zu denken, dass der seiner Christlichkeit entkleidete archaische Gott jene liebt, die er dezimiert.
    Ob vielleicht der Gral ein Geheimcode für vorteilhafte rassische Eigenschaften war, fragte er sich und hatte in Bezug auf die Antwort keine Zweifel.
    Aber eigentlich schien ihm, als hätte Gott seine christliche Verkleidung vor seinen Augen abgeworfen und würde dieses sein barbarisches Antlitz niemand anderem zeigen. Es schauderte ihn, dass er ihn so von Angesicht zu Angesicht sehen durfte. Er hätte Dank sagen wollen, aber es ging nicht, weder das Danken noch das Beten, in diesem Augenblick hatte er nur fürs rasche Denken Freiraum.
    Er rechnete.
    Alles in allem zwei, höchstens vier Generationen, und wir werden stärker aus der Schmach hervorgehen als jene, die geringere Verluste erlitten und mit ihren defekten Individuen über uns gesiegt haben. Durch diese ungeheure Erkenntnis geriet er ins Schwanken, er musste sich auf jemanden stützen, und der unbekannte Kamerad umarmte ihn instinktiv, hielt ihn mit starken Schultern aufrecht.
    Unter Herren war das ja eigentlich nicht üblich.
    Er empfand dem Kameraden gegenüber eine Dankbarkeit, eine Liebe,

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