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Parallelgeschichten

Parallelgeschichten

Titel: Parallelgeschichten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Péter Nádas
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Empfindungen, die ihn später in seiner Ehe begleiten sollten.
    So dubios das klingen mag, es war sein erstes erfolgreiches anthropologisches Experiment, auch wenn es nur einen Einzelfall darstellte und also keine Beweiskraft hatte.
    Als sie im April aus Thüringen an die Universität zurückkehrten, schlich er sich, als müsse er seine wissenschaftliche Passion vor sich selbst verheimlichen, wieder ins Bordell, aber die Frau war nicht mehr dort. Die anderen Mädchen schwiegen auf seltsame Art. Sie wichen aus, als hörten sie nicht, was der junge Mann, dieser stadtbekannte Medikus in spe, wissen wollte.
    Oder sie begriffen gar nicht, worauf er noch aus war, da ihm hier sowieso schon alles zur Verfügung stand.
    Den als numismatische Rarität geltenden Orden, den die Ausgezeichneten über der Paradeuniform oder über der makellosen Hemdbrust des Fracks an einem grünorangefarbenen Brokatband trugen, hatte ein Jahrhundert zuvor Großherzog Karl Ludwig von Baden gestiftet. Die mit der Stiftung betraute großherzogliche Kanzlei hatte den berühmtesten Goldschmied von Sankt Petersburg, Fabergé, mit der Herstellung beauftragt, auch wenn später Le Maître in Paris ebenfalls einige prachtvolle, vielleicht sogar noch schönere Exemplare herstellte, während die dazugehörigen Bänder stets in den venezianischen Werkstätten der Herzöge von Montenuovo gewoben wurden. Der Orden selbst bestand aus feinen, anspruchsvoll kombinierten Elementen. Das barockisierend üppige, gegeneinandergeneigte Akanthusblätter evozierende und wie ein Schmuckstück wirkende Filigrangestell war eine Arbeit in Rot- und Gelbgold, auf dieser Grundlage ruhte das beidseits mit Silberfolie ausgelegte, grün emaillierte Kreuz, in dessen Zentrum auf einem wunderschön gewölbten und mit haarfeinen Goldfäden durchwirkten Wappenschild ein kleines Meisterwerk der Emaillemalerei zu sehen war. Eine unglaublich detailgetreue, unter der Lupe gemalte Miniatur der mit jahrhundertealtem Gestrüpp überwucherten Ruine der Zähringerburg. Sie wurde die Familienburg genannt, war aber in Wahrheit ein gefürchteter mittelalterlicher Adlerhorst gewesen, eine von massiven Basteien umgebene Befestigung, die einzunehmen niemand ernstlich erwogen hatte. Die Auszeichnung hatte die Heldenhaftigkeit des Geehrten zu veranschaulichen, der, merket auf, der vollständigen Vernichtung entgegengetreten war.
    Während sich an der Rückseite des Kreuzes auf dem golddurchwirkten Schild das Miniaturrelief eines muskulösen Löwen reckte.
    Aufgrund irgendeines unerklärlichen Zeichens ging von der Schuer auf, dass sich die kleine Marburgerin umgebracht hatte, sich die Adern aufgeschnitten oder Lauge getrunken, oder was immer, und er also nicht mehr auf weitere Experimente zählen durfte. Er spielte noch längere Zeit mit dem Gedanken, dass sie es seinetwegen getan hatte. Es wegen jenes schicksalhaften und gnadenreichen Guten getan, das von der Schuer gerade in ihr und in so niedriger Form hatte erleben dürfen. Er hätte gern gewusst, ob es die Frau auch so erlebt hatte. Deswegen hatte er ja zu ihr zurückgewollt, jedenfalls redete er sich das ein. Und warum hätte sie es nicht auch erleben sollen, obwohl sie es in keiner Weise gezeigt hatte. Er hätte es gern gewusst. Ob das Ausmaß der Lust mit den persönlichen Eigenschaften zu verrechnen ist, oder ob es eher die Dynamik und die Häufigkeit des Fortpflanzungsakts garantiert und also den Einzelnen gewissermaßen aus dem System seiner persönlichen Eigenschaften heraushebt und ausschaltet, das war die Frage, die ihn erregte.
    Die großherzogliche Kanzlei fasste ihre Beschlüsse seit mehr als einem Jahrhundert in der allergrößten Stille. In solch heikler Angelegenheit hatten die Angaben mehrfach belegt und überprüft zu sein. Die Kandidaten mussten nicht nur außerordentliche militärische Leistungen vorzuweisen haben, Leistungen, die geeignet waren, das Vaterland vor dem Untergang zu bewahren, sondern sie mussten auch im Ruf einwandfreier Lebensführung stehen, um keine Schande über die ehrwürdige ritterliche Auszeichnung zu bringen. Otmar Freiherr von der Schuer stand tatsächlich in einem solchen Ruf, und dieser war, abgesehen von kleinen Schwächen und gelegentlichen Ausrutschern, durchaus gerechtfertigt.
    Höchstens dann hätte sich die Kanzlei zu einer ernstlicheren Wiedererwägung des Falls gezwungen gesehen, wenn ihr häufige Bordellbesuche zur Kenntnis gekommen wären.
    Jetzt tat von der Schuer etwas, das er vom Wunsch

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