Parallelgeschichten
nach Tadellosigkeit beseelt noch nie getan hatte, er legte, gewissermaßen um seinen unheilverkündenden Satz im Voraus abzuschwächen, die Hand auf Baronin von Thum zu Wolkensteins von weißer Seide üppig umflatterten Arm. Die Geste hatte etwas unstatthaft Überhebliches; ein wohlerzogener Mensch benimmt sich im Umgang mit seinesgleichen nicht so.
Punkto Abstammung stand ihm die Baronin keineswegs nach, sie war nicht einmal unbegütert, aber ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit und ihren puritanischen Neigungen entsprechend kleidete sie sich sehr einfach, zuweilen nicht einmal sehr sorgfältig; Rock und Bluse. Jetzt allerdings trug sie eine hochgeschlossene Hemdbluse mit raffiniertem Kragen, überbreiten Manschetten und modischen, an eine Tracht erinnernden Puffärmeln, dazu einen leicht glockenförmig geschnittenen engen, seitlich hochgeschlitzten Rock aus Rohseide, der ihr eine mädchenhafte Silhouette verlieh. Heute hatte sie sich Mühe gegeben, um neben der Gräfin keine schlechte Figur zu machen. Zu den Eigenheiten ihrer Erscheinung gehörte, dass sie nie Schmuck trug, auch jetzt nicht, hingegen waren ihre Schuhe und Handtaschen vom Feinsten und Teuersten, sie kaufte sehr wählerisch und in großen Mengen. Da kannte sie kein Maß, an den Füßen und am Arm liebte sie das Ausgefallene.
Als wüssten das auch die Männer im Vergnügungslokal in der Lützowstraße, als kannten sie diese ihre heimliche Leidenschaft, wenn sie im rotdämmernden Séparée ihre Füße umfassten. Nicht nur der Diwan, auch die Wände und die Decke der
Boîte rouge
waren mit rotem Samt bezogen, Beleuchtung gab es kaum. Sie hielten ihren Arm fest, wanderten mit starken Fingern von ihren Knöcheln aufwärts und hinunter bis zu den Ellenbogen, aber ihren Busen durften sie nicht berühren.
Das kam ihr nicht zufällig in den Sinn, sondern vor Scham über ihre Erregung.
Auch wenn die unzulässig vertrauliche Geste nicht ihr galt, sondern sich der Baron auf diese Art der ungarischen Gräfin vorstellte. Als wolle er die fremde Frau in die Tiefe seiner Zärtlichkeit einweihen, eine Tiefe allerdings, die er selbst noch nie ausgelotet hatte, da es ihm zu seinem größten Leidwesen noch nie gelungen war, sich in jemanden zu verlieben, obwohl er doch sehen konnte, dass es Menschen gibt, die dazu fähig sind, sogar gegenseitig.
Die Hand war angenehm schwer und stark, was Baronin Thum noch Stunden später nicht vergessen konnte.
Gräfin Auenberg, die als Verlobte des Sohnes des ungarischen Reichsverwesers in letzter Zeit diplomatisch hoch im Kurs stand und zwei Tage zuvor auf Einladung der ganz reizenden, in der Kunstförderung eine wichtige Rolle spielenden Emmy Göring zu einer halboffiziellen Visite in Berlin eingetroffen war, um in der Gesellschaft weiterer hochstehender Damen Arno Brekers imposant bemessenes Atelier am Käuzchensteig zu besuchen und seine neuesten monumentalen Akte zu sehen, kleidete sich im Gegensatz zu ihrer älteren Freundin mit herzerwärmender Eleganz. Sie war sozusagen unerschütterlich kosmopolitisch elegant, was in ihrer Heimat schon als unausgesprochene politische Parteinahme verstanden wurde. Eine gewisse gesellschaftliche Extravaganz empfand sie als verpflichtend, worin sie überraschenderweise von ihrer zukünftigen Schwiegermutter, Ihrer Durchlaucht, der Gemahlin des Reichsverwesers, begeistert unterstützt wurde. In Berlin, wo sich die Damen ihres Standes in strengen Kostümen peinlich um den Schein der Bescheidenheit bemühten, um dem Vorwurf des Kosmopolitismus zu entgehen, wurde sich die Gräfin ihrer geschmacklichen Eigenständigkeit und provozierenden Jugend ganz besonders bewusst.
Als wünsche sie mit ihrer luxuriösen Kleidung die halboffizielle Natur ihres Besuchs zu unterstreichen.
Graf Svoy, der Protokollchef des ungarischen Außenministeriums, hatte ihr in einem Gespräch unter vier Augen zu verstehen gegeben, was man von ihr erwartete.
Der Graf hatte starken Mundgeruch und dazu die schlechte Gewohnheit, sich zwecks größerer Vertraulichkeit ganz nahe zu seinem Gesprächspartner zu beugen. Das Bündnis zwischen den beiden Staaten oder die ganz reizende Emmy Göring seien kein Anlass, die Selbständigkeit einzuschränken oder die geistige Unabhängigkeit aufzugeben. Das verstand die Gräfin, die sich auf ihrem Lehnstuhl so weit wie möglich oder noch weiter zurücklehnte, und stimmte zu. Wir wollen doch wenigstens den Schein unseren außenpolitischen Interessen gemäß wahren. Unter einem
Weitere Kostenlose Bücher