Parallelgeschichten
während von der Schuer dafür war und sie auch betrieb. Gerade aus rassenbiologischen und erbpathologischen Gründen hielt sie die Selektionsmaßnahme für ein am Deutschtum verübtes Verbrechen, das für die ganze nordische Rasse unabsehbare negative Folgen haben würde. Dann befürwortete sie eher noch die auf ein Segment der Bevölkerung beschränkte Euthanasie, die Missgebildeten und Geisteskranken mussten allerdings an der Fortpflanzung gehindert werden.
Sie einfach verschwinden lassen, dann würde man auch unnötige Kosten vermeiden.
Aber sie schwieg, ließ ihren wissenschaftlichen inneren Dialog auf sich beruhen.
Wer könnte schöner sein, rief aber auch sie mit schmerzlichem Genuss, während sie sich bewundernd anstarrten, von der Realität der anderen erfüllt.
Vor niemand anderem würde ich mir erlauben, so etwas zu behaupten, sagte die Gräfin leise, fast ein wenig verdüstert.
Ich glaube es, ich glaube dir fast alles, mein Herzchen. Aber ich würde doch gern wissen, woher du diesen Unsinn nimmst, sagte die Baronin, nach dem glücklichen Einvernehmen von gerade eben plötzlich unbegreiflich gereizt.
Die physische Präsenz ihres stummen Verehrers erschien vor ihr, er hatte sie im roten Séparée mit einer gewissen Regelmäßigkeit befriedigt, während andere wildfremde, sich aus dem Halbdunkel hervorwagende Männer ihre Finger über ihre gespreizten Beine, ihre über den Kopf erhobenen nackten Arme laufen ließen, aber genommen hatte er sie nie.
Auch wenn er allem Anschein nach nicht impotent war.
Diese wahnsinnige Auslassung verlieh dem Spiel die Würze.
Eine Lücke füllte ihr Leben, ließ die Erwartung der großen Befriedigung immer erregter werden.
Als hätte sie vorhin mit ihren Worten den Damm gebrochen, und jetzt strömte das Wasser schon unkontrolliert.
Nur die Lippen, die Zunge des Mannes durfte sie kennen. Sie erkannte ihn daran, wie er mit den Fingern ihre Schamlippen öffnete, sie an ihren Kitzler legte, sie kannte den besonderen Geruch seines schweißnassen Schädels, wenn er sich von ihrem Schoß erhob, mehr nicht.
Aber sie gelangte doch in die Tiefen seiner Leidenschaft hinein, es war gegenseitig.
Sie ließ alles zu, hätte aber ihren Verehrer nie zu berühren gewagt. Als hätte sie Angst, er würde in ihrer Hand zerfallen. Manchmal griff sie statt nach ihm nach den fremden Männern, die ihr im roten Dunkel ihre Dienste anboten, ihre Hände, ihre Lippen, ihre Zunge, und auch ihren steifen Penis.
Ich wäre dir verbunden, wenn du mir deine Informationsquellen nennen würdest, sagte sie gereizt.
Was für Informationsquellen.
Woher nimmst du es.
Was denn.
Dann verstehe ich dich vielleicht falsch.
Eher habe ich das Gefühl, dass ich dich nicht verstehe.
Du verstehst mich durchaus, kleine Bestie.
Es überrascht mich, wie du sprichst, ich empfinde deinen Wortgebrauch als unbegründet, aber ich würde sagen, du bist nicht weniger ein Scheusal als ich.
Sie verstanden sich so gut, dass sie an diesem Punkt ihres Gesprächs vor wonnigem Entsetzen steckenblieben. Die Erinnerungen und Gefühle, die mit dem Gesagten einhergingen, hatten Karla obendrein auch noch rot anlaufen lassen.
Es war offensichtlich, dass sie nicht mehr weiterwussten.
Das sagst du aber nicht im Ernst, sagte die Gräfin, mit ihrer hohen, mädchenhaft schneidenden Stimme noch höher rutschend, dass du ihn aus so intimer Nähe kennst.
Was redest du, sagte die Baronin und verfing sich noch mehr in ihrer Röte, du bist es doch, die redet, als kennte sie seine körperlichen Geheimnisse.
Wie sollte ich sie kennen, ich habe ihn doch jetzt zum ersten Mal im Leben gesehen.
Sie blieben auf der tannenschattigen Seite der besonnten Straße gleichzeitig stehen.
Es wurde plötzlich still zwischen ihnen, die Baronin antwortete nichts und gab auch keinerlei Zeichen, und in der großen Sonntagsstille hörte man nur die Zaunkönige in einiger Entfernung.
Gräfin Auenberg wollte eigentlich auch gar keine Antwort auf die Frage, die sie da angedeutet hatte.
Die Schamlose, wie kann man so schamlos sein, die Baronin regte sich lustvoll auf.
Trotzdem hätte die Gräfin die ältere Frau gern gefragt, was in der Ehe mit ihr geschehen würde. In dieser Hinsicht hatte sie der Atelierbesuch vom Vortag besonders verwirrt. So blutjung war sie ja auch nicht mehr, zweiundzwanzig, über sich und übers männliche Geschlecht wusste sie doch schon einiges. Was sie brauchte, war eine sachliche Aufklärung. Falls es das gab. Falls ihr Karla
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