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Parallelgeschichten

Parallelgeschichten

Titel: Parallelgeschichten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Péter Nádas
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beträten mit ihrem Lächeln endlich das Gebiet der Gegenseitigkeit.
    Die wichtigere Frage ist, sagte die Baronin mit unerschütterlicher Ruhe, was ich zum Mittagessen anziehen soll.
    Auch ich habe mich gleich gefragt, was nun, ein
deux-pièces
, vielleicht ein
trois-pièces.
    Ich hatte damit gerechnet, dass wir beide gemütlich miteinander essen würden.
    Ich bin es, die am meisten das Bedürfnis hätte mit dir zu reden.
    Mein Armes, ich kann dich verstehen, aber auch ich habe dich ungeduldig erwartet.
    Ich brauche von dir Rat, und in Angelegenheiten, die eigentlich jenseits des Anstands liegen.
    Wenn ich das so sagen darf.
    Glaube mir, es gibt nichts, was ich nicht gern beantworte, vorausgesetzt, ich habe eine Antwort.
    Gräfin Imolas Herz machte im wahren Sinn des Wortes einen Sprung, sie durfte also tatsächlich Fragen stellen, ja, das würde sie tun.
    Was für Fragen wusste sie nicht.
    Die Baronin erschrak aber auch ein wenig vor ihrem Ton. Mein Gott, was will dieses Unschuldslamm von mir.
    Mangels gegenseitigen Vertrauens lachten wieder beide auf.
    Seit wir verlobt sind, nein, ich will ganz ehrlich sein, seit der bloßen Vorankündigung unserer Verlobung besteht unser Leben ausschließlich aus der Erfüllung gesellschaftlicher Pflichten. Es scheint ein Vorgeschmack dessen, was mich später erwartet.
    Und da bürde auch ich dir lästige Verpflichtungen auf.
    Es sind keine Monstren, das ist nicht das Problem, aber ich hätte nie gedacht, dass so viele prachtvolle Menschen einen so schlechten Mundgeruch haben.
    Ach, komm.
    Fast sehne ich mich nach den alten Zeiten.
    Was heißt alte Zeiten, du bist ja immer noch ein halbes Kind.
    Als sie an einem schönen Sommermorgen arglos aus dem Bett gestiegen, auf die Terrasse hinausgegangen war, die besonnte Treppe hinunter und einfach weiter auf dem taunassen Rasen.
    Es tut mir wirklich leid, dass ich dir deine freien Stunden raube.
    Ach, es war nicht als Vorwurf gemeint, nur als Klage, wem sonst könnte ich klagen. Ich bin voller Klagen, das ist die Erklärung für meine dauernde Irritation, aber ich fühle trotzdem, dass ich glücklich sein werde, sehr glücklich und zufrieden, Mihály ist ein ganz wunderbarer Mann.
    Ich habe, wenn du erlaubst, eine rettende Idee, sagte die Baronin, um das Geschwärme ein wenig abzukühlen. Sie blieben an einer efeubewachsenen, langen und nicht zu hohen Steinumfassung stehen. Du könntest doch ohne weiteres Migräne haben, meinetwegen brauchst du dich zu nichts verpflichtet zu fühlen. Erika ist ein schlichtes Gemüt, du musst wissen, sie ist eine geborene Vierort und dank unseres lieben Otmar an allerhand Launen gewöhnt.
    Sollte ich dir bei diesem Mittagessen zur Last fallen, bleibe ich selbstverständlich fern.
    Wieso solltest du mir zur Last fallen, im Gegenteil.
    Vierort, was ist das für eine Familie, fragte die Gräfin ausweichend und gereizt, ich bin offenbar zu wenig informiert.
    Gar keine, eine bürgerliche, sagte die Baronin in einem Ton, als wäre nichts dabei, wenn jemand unter seinem Rang heiratet, was keineswegs stimmte.
    Bei ihr kann ich dich problemlos entschuldigen, fügte sie hinzu.
    Es dauerte lange Minuten, bis sich auf dem regelmäßigen Gesicht der Gräfin keinerlei Gefühl mehr zeigte. Vielleicht wurde es vor Überraschung gleichgültig, auch wenn die Überraschung nicht der Tatsache galt, dass von der Schuer unter seinem Rang geheiratet hatte. Was für hinterhältige Spielchen ihre Freundin doch spielte, um sie von diesem attraktiven Mann fernzuhalten. Und sie hatte vorhin noch erzählen wollen, dass sie so lange durchs taunasse Gras gegangen war, bis sie zu einem zwischen Weiden verborgenen Teich kam und, vom starken Morgenlicht geblendet, die bis zu den Oberschenkeln im Wasser stehende Karla erblickte, die erst am Nachmittag des Vortags angekommen war, ihr zweifelhafter Ruf hingegen schon Jahre zuvor.
    Die Auenberg-Fräuleins brannten vor Begierde, die gefallene Frau endlich zu Gesicht zu bekommen, mit der die Familie über den Tiroler Zweig der Wolkensteins verwandt war und die ihr uneheliches Kind dank der Vermittlung der Auenberg’schen Stiefmutter schon ein paar Wochen nach seiner Geburt zu einer Amme gegeben hatte, in die zu ihrem Gut in Fánt gehörende Gemeinde. Sie wollten das unschuldige Geschöpf gleich sehen. Aber die gefallene Verwandte hatte ihnen beim Abendessen am Vorabend eine jähe Enttäuschung bereitet. Sie war alles andere als ein verdorbenes lustiges Frauenzimmer. Eine ernste, vom

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