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Pas de deux

Pas de deux

Titel: Pas de deux Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Philippe Djian
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Ansonsten schien es ihnen gutzugehen, sie quatschten, die Nase in ihre Frotteetücher gepreßt, erzählten einander ihre Geschichten oder flitzten zur Toilette, sei es, daß es ihnen an Mut gebrach, sei es, daß sie sich übergeben mußten. Ich gestehe, daß die wenige Sympathie, die ich für sie hatte, wahrscheinlich daher rührte, daß sie mich an die Leute erinnerten, mit denen Evelyne verkehrte. Und als ich ein wenig durch die Gegend spazierte und durch die Windschutzscheibe einer Corvette den nackten Arsch eines Mädchens erblickte, grinste ich nur kurz, und die Stimme eines Typen rief mir zu, ich solle bloß abhauen. Noch einer, der kein Mitleid mit uns Vätern hatte, der uns peinliche Sitzungen der Selbstbeobachtung auferlegte. Ich hatte Lust, ihm einen Reifen zu zerstechen.
    »Lieber Freund, wo haben Sie denn gesteckt?« fragte mich der Richter. »Wir haben Sie gesucht!«
    »Gott! Was für ein zauberhaftes Schauspiel!« seufzte ich.
    »Ich würde gern unter vier Augen mit Ihnen sprechen. Gehen wir ein paar Schritte?«
    Wir gingen ein paar Schritte. Wir gingen über eine Allee, die unter Mimosen entlangführte und sich zur Steilküste zog. William S. Collins beehrte die Leute, denen wir unterwegs begegneten, mit einigen Worten, hielt sich jedoch nicht auf und führte mich zu einer Holzbank direkt über dem Meer, die mich sogleich an etwas erinnerte.
    »Mmm … Es war nicht einfach, aber es ist mir gelungen, sie hierher schaffen zu lassen!!« erklärte er und forderte mich auf, Platz zu nehmen. »Ja … Wissen Sie, meine Frau saß genau an der Stelle, wo Sie jetzt sitzen. Das war in Paris, am 12. Februar 1938, an der Place de la Contrescarpe. Einen Monat später marschierte Hitler in Osterreich ein …«
    Ich bat ihn um eine Zigarre, denn der Krieg war lang gewesen. Ich schlug die Beine übereinander und schloß halb die Augen, genoß den ersten Zug. Er hatte vollkommen recht, was die Havannas betraf. Aber der Bourbon, der war Kentucky, Lawrenceburg, genau gesagt. Und ich war heilfroh, daß ich ein Glas mitgenommen hatte.
    »Sie fragen sich bestimmt, warum ich Ihnen all das erzähle?«
    »Nein, ich bin nicht neugierig. Nicht, daß Sie glauben, Sie langweilen mich … Das ist ein äußerst angenehmer Augenblick …«
    »Hören Sie, ich will nicht lang drumherum reden. Georges hat mich vorgestern angerufen …«
    »Georges mischt sich in Dinge ein, die ihn nichts angehen.«
    »Mmm … Sie ahnen also, worüber ich mit Ihnen sprechen möchte …«
    » Ich wußte nicht, wann Sie sich dazu entschließen würden.«
    Wir schauten der Jacht zu, die sich um die eigene Achse drehte und mit der Nase aufs offene Meer zeigte.
    »Ich habe Georges vor einigen Monaten in New York getroffen. Der Zustand der Welt bereitet uns natürlich größte Sorgen. Mehr denn je müssen wir wachsam sein. Wir müssen uns stets vergegenwärtigen, daß wir die Hüter bestimmter Werte sind, und mit gutem Beispiel vorangehen!«
    Ich war nicht aggressiv gestimmt. Ich sagte ihm nicht, daß ich, was gute Beispiele anging, im Laufe dieses Abends genug gesehen hatte, um des Menschengeschlechts überdrüssig zu sein, wäre ich mir nicht meiner eigenen Schwächen bewußt. Ich lächelte und zog an seiner Schmuggelware.
    »William, was glauben Sie, was ich jeden Morgen mache, wenn ich vor dem Spiegel stehe?«
    »Na, bleiben wir doch ernst.«
    »Es ist mir ernst.«
    »Hören Sie, reden wir lieber über diese Scheidung. Sie müssen schon verzeihen, Henri-John, aber in meinem Alter hat man keine Angst mehr, aufdringlich zu sein …«
    Ich war viel zu gut gelaunt, um mich über irgend etwas aufzuregen. Keine Ahnung, ob diese Bank verhext war oder ob das an dem Duft der Mimosen lag oder an der Weite des Himmels und des Meeres vor uns oder ob das rein nervlich bedingt war, jedenfalls konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Er wurde unruhig, während ich in die Gegend gaffte.
    »Nun, ist Ihnen das Thema so peinlich?«
    »Mmm … Es gibt Lustigeres.«
    »Ich verstehe … Aber es ist noch nichts entschieden, wenn ich mich nicht irre?«
    »Ich glaube, Edith hat sich entschieden.«
    »Hören Sie mir zu, Henri-John. Wir kennen uns seit langem. Sie waren keine fünfundzwanzig, als sie zum erstenmal hier waren. Die Umstände haben verhindert, daß wir uns näherkamen, aber glauben Sie mir, ich bin Ihnen und Ihrer Familie sehr zugetan. Ich spreche also als Freund zu Ihnen, und ich sage Ihnen ohne Umschweife, daß …«
    »Überflüssig!« unterbrach ich ihn. »Das

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