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Pas de deux

Pas de deux

Titel: Pas de deux Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Philippe Djian
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diesem Tag hat die Welt den Verstand verloren, alles ging drunter und drüber, und man hat krank und gesund, Schwäche und Stärke vertauscht. Georges würde sagen: ›Und sie sollen erzittern, die Sodom und Gomorrha wieder aufgebaut!‹ oder etwas in der Art, nun, Sie kennen ihn ja. Tatsache ist, daß wir im Begriff sind, das Ruder wieder in die Hand zu nehmen. Und Sie können sich darauf verlassen, wir arbeiten eifrig daran!«
     
    Die Woche vor unserer Abreise nach Leningrad verlief ziemlich stürmisch. Es war Ende Dezember, und nachts rieselte ein nasser Schnee, aber verglichen mit dem, was uns erwartete, war das fast Sommer. Spaak, der zugesehen hatte, daß er die Reise mitmachen konnte – auf eigene Kosten und unter dem Vorwand, daß er doch der Hausarzt des Sinn-Fein-Balletts sei –, hatte uns einige Abende zuvor einen eisigen Schrecken eingejagt, als er uns von dreißig Grad minus und noch mehr erzählt hatte, von einer Kälte, bei der man draußen besser nicht pinkeln ging.
    Daraufhin hatte uns Georges in ein Armeelager geschleppt und uns entsprechend ausgestattet – die Frauen waren lieber allein losgezogen, um kleidsamere Sachen zu erstehen –, als ob wir nach Sibirien reisten, Parkas, Handschuhe, Mützen und Westen aus Schafsfell. Die Anprobe inspirierte Georges, der hin und her flitzte und alles anzog, was ihm in die Finger geriet, taumelnd, ächzend trotzte er einem höllischen Blizzard, doch im Grunde fühlten wir uns nicht ganz wohl in unserer Haut.
    Die Koffer waren bereits gepackt. Trotzdem standen sie weit auf, und jeden Tag dachten wir nach, und wenn wir nachgedacht hatten, wurde etwas herausgenommen und etwas anderes hineingelegt, und am Abend wurde darüber diskutiert, wir fragten uns, ob wir keinen Fehler gemacht hatten, und anscheinend ging es wirklich ans Ende der Welt. Und einige versuchten einen sogar zu bestechen, versuchten herauszubekommen, ob man zwischen den persönlichen Sachen nicht noch Platz hatte für einen Pulli oder ein winzigkleines Wollding, das wäre wirklich prima. Es herrschte eine wundervolle Atmosphäre im Haus, voll finsterer Mauscheleien, langwieriger Vorbereitungen und Informationen, die jeder über das ›Venedig des Nordens‹ sammelte.
    Der Frühling und der Sommer waren ohne große Vorkommnisse ins Land gegangen. Georges und meine Mutter hatten uns während der Ferien Alices Obhut anvertraut, und wir waren für vierzehn Tage nach Wales gefahren, wo uns das Haus ihres Bruders erwartete. Ein todlangweiliger Aufenthalt, bei dem Alice unser Interesse für die englische Landschaft zu wecken suchte, was ihr natürlich einige Mühe bereitete. Ich für mein Teil sehnte mich fürchterlich nach Ramona. Ich schickte ihr sogar einige Strophen aus den Gedichten, die Alice mit uns durchnahm. Zum Beispiel jene Verse von Robert Frost: »Oh, come forth into the storm and rout, And be my love in the rain.« Sie schrieb mir als Antwort jedoch nur: »Sag mal, Henri-John, bist Du noch ganz bei Trost?«
    Wahrscheinlich waren mir das Fernsein und die Langeweile zu Kopf gestiegen, jedenfalls war das die Erklärung, die ich ihr nach meiner Rückkehr gab. Ich entschuldigte mich dafür, daß ich sie genervt hatte. Immerhin gab sie zu, sie sei gerührt gewesen, denn eine Frau, die in ihrer Post etwas von Thomas Hardy, Dylan Thomas oder William Carlos Williams vorfindet, sehe den Tag in hellstem Licht, meine Auswahl, sprich die Passagen, die ich ihr gewidmet hätte, sei ihr jedoch ein wenig einseitig gewesen. Da konnte ich ihr nicht widersprechen. Kaum fiel der erste lauwarme Sonnenstrahl in mein Zimmer, dachte ich an sie. Alice führte uns zwar jeden Morgen an den Strand, doch ich konnte mich noch so oft in die kalten Fluten der Bucht von Carmarthen stürzen, ich bekam Ramona nicht aus dem Kopf.
    Da sie sah, in welchem Zustand ich nach meinem Urlaub war, gewährte sie mir eine zusätzliche Nacht, obwohl wir nicht den 12. hatten, »aber ausnahmsweise«, hatte sie hinzugefügt. Danach fühlte ich mich besser, ich wurde wieder normal. Ich glaube, sie zu sehen beruhigte mich, und die Anwesenheit der anderen Frauen im Haus ersparte es mir, meine Gedanken ganz auf sie zu konzentrieren, und zudem hatte ich, was ich wollte. Nicht so oft, wie ich es wünschte, aber ich ertrug mein Ungemach mit Geduld und schätzte mich schließlich sogar glücklich. Außerdem fiel ich ihr mit dieser Sache nicht mehr auf die Nerven, ich versuchte nicht mehr, die Zeit, die sie in meinen Armen lag, dazu auszunutzen,

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