Pas de deux
stützen müssen.
»Wo ist Eric?«
Sie wüßten es nicht, antworteten sie mir. Hätten aber den Eindruck, das käme aus dem Keller. Und was war das?
Man gelangte durch die Küche nach unten. Wir schauten uns kurz an, und ich erkannte, daß ich als erster gehen mußte.
»Ah, nein, ich schaff das nicht!« erklärte Bob, während wir einen Blick auf das schwarze Loch warfen, das nach Schimmel stank und hinter dem nur das Brummen des Heizkessels zu hören war.
»Niemand zwingt dich mitzukommen«, antwortete Oli, der sich bereits an meinen Pullover klammerte.
Die Glühbirne auf der Treppe war vor einigen Tagen durchgebrannt. Man mußte erst sämtliche Stufen hinuntersteigen, um Licht zu machen und sich umzusehen. Es hingen mehrere Reihen von Bettüchern auf der Leine, die vor sich hin trockneten, und dazu türmten sich Berge von Kleidungsstücken und der gesamte Tanzdress. Das war immer Großwaschtag, wenn wir auf Tournee gingen, jedes Stückchen Leine war kostbar und die Wäscheklammern Gold wert. Ich bückte mich, konnte aber nichts Ungewöhnliches erkennen. Die Aufregung, die uns ergriffen hatte, ließ überdies langsam nach. Als wir weitergingen, sagte Chantal, wir sollten aufpassen, keine Bettwäsche runterzureißen, und Bob meinte, das sei wahrscheinlich ein Auspuff gewesen.
Im nächsten Raum war auch nichts, aber am Ende des Flurs brannte Licht. Das war eine Ecke, in die wir uns nie verirrten und die zu nichts gut war, Räume, in denen sich staubiger, verfaulter, verrosteter, kaputter Plunder stapelte, der da seit mindestens hundert Jahren herumlag und, wenn man uns fragte, noch weitere hundert Jahre dort bleiben konnte. Oli und ich wechselten einen kurzen Blick.
Eric lag auf dem Boden, neben einem umgekippten Stuhl, und die Wand war bis zur Decke mit Blut und zähen Bröckchen vollgespritzt. Olga stieß hinter mir einen Schrei aus. Chantal nahm Edith in die Arme. Bob erklärte, er könne das nicht sehen, und fiel in Ohnmacht.
Das war, nach Ediths Mutter, schon der zweite Selbstmord im Haus. Keiner wußte so genau, warum sich Eric das Leben genommen hatte. Jérémie erzählte etwas von einer Liebesgeschichte, und Georges glaubte zu wissen, daß es um seinen Vater nicht besonders stünde, aber wir, wir hatten keine Ahnung, wir hatten nichts Seltsames an seinem Verhalten bemerkt und folglich keinerlei Erklärung, und das verwirrte uns sehr. Mehrere Abende lang redeten sie mit leiser Stimme, ihre Gesichter waren finster, und der Tod hatte Einzug gehalten und sich wie Rauch überall verteilt, das war, als atmete man ihn ein und hörte ihn durch die Stille schleichen.
Die Fahrer des Krankenwagens trugen Erics Leichnam hinauf und durch den prasselnden Regen, und wir standen alle an den beschlagenen Fenster und das Schwitzwasser störte uns, und jetzt waren wir wieder zu dreizehnt wie vor Alices Ankunft, und der Tisch erschien uns schief, und Georges sagte, wenn jemand abergläubisch ist, kann er ja aufstehen und auf der Couch essen, aber niemand rührte sich. Jérémie und ich reinigten das Zimmer unten, dann verfluchten wir es und nahmen die Klinke mit. Bei der Beerdigung erklärte Erics Vater, er wolle die Sachen seines Sohnes nicht zurückholen, also räumten wir sein Zimmer aus und verstauten die Sachen in einem Koffer auf dem Speicher. Und noch lange danach führten wir zu dritt düstere Gespräche, wir konnten es nicht fassen, wie sich jemand eine Kugel in den Mund schießen konnte.
Der Selbstmord war ein Thema, das uns faszinierte. Wir waren uns einig, daß das Leben im allgemeinen ziemlich beschissen war, voller Zwänge und oftmals ohne jeden Reiz, wenn man sich die Sache genauer ansah. Wir dachten schon eine ganze Weile so, wir hatten angefangen nachzudenken. Die beiden brachten für den Tanz bei weitem nicht die gleiche Begeisterung auf wie Georges oder meine Mutter, und mir ging es ähnlich, ich spielte gern Klavier, aber ich träumte von etwas Aufregenderem. Wir wußten nicht, was wir eigentlich wollten, wir wußten nur, was wir nicht wollten. Aber das war wie ein Negativ, das half uns auch nicht, irgend etwas zu erkennen, das sich lohnte. Manchmal diskutierten wir stundenlang über den besten Weg, Schluß zu machen für den Fall, daß alles zu unerträglich würde. Außerdem hatte ich Oli mächtig beeindruckt, als ich ihm vorgeführt hatte, wie man eine Schlinge fertigt, die sich selbst zusammenzieht – ich hatte sie von Alex, der nicht nur unser Lieferant amerikanischer Musik, sondern auch
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