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Pas de deux

Pas de deux

Titel: Pas de deux Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Philippe Djian
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eine unerschöpfliche Quelle bizarrer Informationen war –, eines dieser komplizierten Exemplare, die einen festhalten, wenn man vom Stuhl kippt. Wir schlossen uns ein, wenn wir über solche Dinge redeten. Die anderen, die hatten von so was keine Ahnung.
    Nach der Beerdigung blieben nur noch ein paar Tage bis zur Abreise. Und abgesehen davon, daß sie gewissen Gesprächen aus dem Weg gingen, zeigten sie sich uns gegenüber aufmerksamer als sonst, man spürte, daß sie uns auf andere Gedanken bringen wollten, und man hatte glatt das Gefühl, sie kämen ohne uns nicht mehr aus. Alice erklärte, der Unterricht sei beendet, wir hätten jetzt Ferien bis zu unserer Rückkehr – deshalb, fügte sie hinzu, sei es aber nicht verboten, etwas zu lesen, und warum eigentlich nicht Puschkin, und dabei zog sie mit einem breiten Lächeln die Bücher des besagten Typen hinter ihrem Rücken hervor. Die Mädchen tingelten mit Edith durch die Stadt, um in letzter Minute noch ein paar Sachen zu besorgen. Georges kümmerte sich um Oli und mich, er führte uns eines Nachmittags, als wir einen Teil des Gepäcks aufgegeben hatten, ins Quartier latin und schaute sich mit uns Atemlos an – was ihm hinterher keine besonders gute Idee mehr schien, wir hingegen, wir waren begeistert. Ein andermal schleppte uns meine Mutter wegen ihrer Ballettschuhe mit, der berühmten englischen Freed, die extra für sie bestellt wurden, und wir stöhnten ein wenig, aber sie tat ganz geheimnisvoll, und nach den Schuhen fuhr sie uns geradewegs zu Alex, und dort blieb uns fast das Herz stehen, und er ließ uns erst einen Kniefall machen, bevor er den letzten, noch brandneuen Elvis auflegte, King Creole , sowie die Single von Eddie Cochran, C’mon Everybody , wir hatten fast Magenkrämpfe, so glücklich waren wir. Und dann erzählte er uns noch als letzte Neuigkeit, daß Jerry Lee Lewis seine dreizehnjährige Kusine geheiratet habe – und das war ein Schwall frischer Luft, verglichen mit der Inthronisierung Johannes XXIII, oder der Geburt der Fünften Republik.
    Die Aufführung ›saß‹, aber Georges hatte ein wenig Bammel, obwohl er vor Ungeduld brannte und den lieben langen Tag wiederholte, ein Mißerfolg sei nur seine Schuld, ein Erfolg dagegen der Lohn für das gesamte Ballett. Sein Lampenfieber rührte daher, daß er den Nußknacker ausgewählt hatte, damit diejenigen, denen die ›moderne‹ Richtung nicht sonderlich behagte, keinen Anlaß hatten, die Stirn zu runzeln, doch dann hatte er sich, um seine eigenen Worte zu verwenden, einige Freiheiten gegenüber der Choreographie von Iwanow erlaubt. Tatsächlich hätte eine Mutter ihre eigenen Kinder nicht mehr wiedererkannt. Zuerst hatte er nur die Pas de deux, danach Stück für Stück das ganze Ballett geändert, und die andern hatten ihn tüchtig bestärkt. Jene vor allem, deren geliebter Sohn ich war, hatte ihn wochenlang unterstützt und angespornt, hatte ihm abends Gesellschaft geleistet, wenn er die Schritte der Schneekönigin oder der Drachenfee bearbeitete, und mitunter sogar bis zum Morgengrauen getanzt, wenn etwas nicht hinkam. Bestimmte Passagen hatte sie mit ihm – oder vor ihm, während er überlegte – immer wieder ausprobiert, so die Rolle des Prinzen, der Klara oder des Herrn Drosselmeyer. Sie waren erschrocken und begeistert zugleich, was sie da schufen, und hätte sie Erics Tod nicht ein wenig auf den Boden zurückgeholt, hätten sie irgendwann wirklich abgehoben.
    Alice und ich waren die einzigen, die mit der ganzen Geschichte streng genommen nichts zu tun hatten. Edith sollte die Rolle der Klara und Oli die ihres Bruders Fritz spielen. Selbst Spaak hatte eine Statistenrolle bekommen – er hatte errötend seine Dienste angeboten –, da er angeblich als Student ein wenig Theater gespielt hatte und mit dem Herzen immer noch dabei war. Aber Alice zitterte mehr als jeder andere, und ich, ich war in ihren Herzen, in ihren Waden, in ihren Lungen, seit ich auf die Welt gekommen war. Jedesmal, wenn ein Stück zur Aufführung kam, war das für mich wie ein Knoten, der sich langsam löste, und wir fühlten uns alle gleichermaßen gerädert und feurig vereint, und wenn wir zu allem Überfluß auf Tournee gingen, hatten wir ein Zittern in den Beinen. Alles nahm ungeheure Proportionen an, die geringste Freude, jeder noch so kleine Kummer wurde aufgebauscht, war Balsam oder Salz auf einer offenen Wunde. Und in der Nacht vor unserer Abreise fanden nur wenige von uns Schlaf, wir begegneten uns bis

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