Pas de deux
Tagesanbruch in den Fluren, jeder hatte Durst oder Angst, etwas vergessen zu haben, und man wußte nicht, ob der andere bereits wieder an- oder noch nicht ausgezogen war, und unten brannte Licht und der Garten strahlte vor Reif, um uns in die richtige Stimmung zu versetzen, und gegen sechs Uhr morgens ließen wir mit einem langen kollektiven Schaudern die Tür ins Schloß fallen.
Wir hatten eine Zugreise von etwas mehr als zwei Tagen vor uns, mußten zudem in Dortmund und Moskau umsteigen. Und obwohl uns Alice am Abend zuvor mit La Prose du Transsibérien hingerissen hatte, waren wir uns keineswegs sicher, als wir an diesem kalten und grauen Dezembermorgen in den ›Parsifal‹ stiegen, ob wir uns auf den Spuren des alten Blaise nicht zu Tode langweilen würden.
Ich schlief bis gegen Mittag. Dann weckte mich Oli, und wir machten uns auf die Suche nach dem Vorrat von Sandwichs, die Georges auf dem Bahnsteig gekauft hatte. Rebecca schlummerte an Georges’ Schulter, Spaak an der meiner Mutter. Ramonas Schulter war frei, aber wir hatten den 18., und die Idee, es in einem Zug zu machen, konnte ich mir abschminken, und hätte ich zehn Jahre meines Lebens dafür gegeben. Wir aßen im Gang, mit dem Gesicht zur deutschen Landschaft, die unter einem wolkigen und trüben Himmel an uns vorbeisauste, so trist wie unsere Schinkenbrote und das fettige und zerknitterte Papier, mit dem sie umwickelt waren.
Alex und den Rest der Truppe hatten wir in der Gaststätte der Gare du Nord eingesammelt. So daß wir, im Gegensatz zu jemand anders, der als Ablenkung nur die dürftigen Gespräche mit der kleinen Jeanne blieben – Oli sagte mir, er hätte sie zum Fenster rausgeworfen –, die Zeit Stück für Stück totschlagen konnten, indem wir von Abteil zu Abteil gingen und uns anhörten, was sie zu erzählen hatten. Aber das war dennoch ziemlich furchtbar. Die Landschaft änderte sich nicht. Es passierte nichts Sensationelles. Die andern waren eher schlaff und gähnten, und man merkte auch nicht, daß die Zeit verging, denn das Licht blieb das gleiche, und auch drinnen im Zug war es nicht besonders warm, und wir spazierten mit den Decken der SNCF über den Schultern umher.
In Dortmund stiegen wir aus. Wir gondelten so lange zwischen Wartesaal, Bahnhofsgaststätte, Toilette und Bahnhofsuhr hin und her, bis wir jedes noch so nervtötende Detail in- und auswendig kannten. Gegen drei Uhr nachmittags stiegen wir wieder ein, und Oli und ich dümpelten bis zum Abend vor uns hin, wir schonten unsere Kräfte, indem wir uns mal hier, mal dort an Land treiben ließen, während hinter uns der Montmartre immer weiter zurückblieb und eine Leichenblässe die Felder erfaßte.
Erst bei Einbruch der Dunkelheit fühlten wir uns ein wenig besser. In den Abteilen ging das Licht an, die fürchterliche Langeweile, die uns bis ins Mark abstumpfen ließ, verwandelte sich in eine laue Wärme, und die Dinge erschienen einem ganz anders. Wir fragten uns, ob sie plötzlich die Heizung aufgedreht hatten, jedenfalls wurde es richtig angenehm. Und auch das Beben des Zuges machte einen nicht mehr blöd, sondern lullte uns mehr und mehr ein, und wir kamen in eine gewisse Stimmung und gähnten einander an, als hingen wir im Bett.
Im Bahnhof von Hannover stiegen wir wieder aus, um uns ein wenig die Beine zu vertreten. Die Kälte fiel so brutal über uns her, daß wir laut lachend über den Bahnsteig rannten, und man konnte meinen, die Stadt sei völlig geruchlos. Doch diesmal stiegen wir wie verklärt wieder ein, und wir schoben kurz die Fenster draußen auf dem Gang hinunter, als der Zug anfuhr, und die Luft verbrannte uns das Gesicht, und die Kälte machte uns nichts mehr aus.
Während einer Pokerrunde mit Alex, ein Zeitvertreib, der uns am Nachmittag noch sehr schnell auf den Wecker gefallen war, saßen wir wie auf heißen Kohlen. Die andern wurden auch wach, spazierten durch die Gänge, amüsierten sich und scherzten, kamen uns besuchen und schauten uns über die Schulter und gaben ihren Kommentar ab, so daß wir sie einmütig rauswarfen. Es kam uns vor, als gehörte uns der Zug, denn außer den Kontrolleuren und den anderen Typen in Uniform bekamen wir so gut wie niemanden zu sehen. Hinzu kam die Strecke, die wir zurückgelegt hatten, das Gefühl, daß wir inzwischen weit draußen auf einem finsteren Ozean waren und daß alles passieren konnte. So zum Beispiel dieser helle Wahn, der Georges’ Hirn ergriff: Er lud alle ins Restaurant ein. Und Spaak
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