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Pas de deux

Pas de deux

Titel: Pas de deux Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Philippe Djian
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buchstabierte, und Alex meinte, sie schreibe ein Telefonbuch oder irgendeine Schwarte über die Entstehung des Rock ’n’ Roll, und dabei schenkte er sein Glas voll und zwinkerte uns zu. Es passierte nicht oft, daß die Truppe mit Mann und Maus verreiste, und auch nicht so weit, es war immer schwierig, das nötige Geld aufzutreiben, und ich hatte das Gefühl, daß wir jetzt erst daran glauben konnten. Die Reisenden ringsum lächelten entspannt, aber unser Vergnügen war ein ganz besonderes, stumm und dauerhaft, und das lag nicht nur an dem Champagner oder der Freude an einem guten Essen. Georges strahlte, und ich sah, daß er von Zeit zu Zeit unseren Tisch mit gerührtem Blick überflog.
    Wir blieben lange dort sitzen, nichts drängte uns, und Spaak ließ ein paar weitere Flaschen kommen. Als sie sich Zigarren anzündeten und die Luft ganz blau war, pafften auch wir klammheimlich eine Zigarette, aber viel drohte uns nicht, denn Georges und meine Mutter hatten Balanchine und Cunningham aufs Tapet gebracht, und da hätte der Zug entgleisen können, ohne daß sie es bemerkt hätten.
    Edith ließ mich ganz schön abblitzen, als wir uns wieder in unsere Abteile begaben und ich ihr vorschlug, ein wenig Karten zu spielen oder was sie wollte. Es hatte ihr nicht gefallen, daß wir uns zu Alex gesetzt hatten, statt ihr und Myriam Gesellschaft zu leisten.
    »Danke, aber für heute habe ich genug von dir«, sagte sie, schob mich zur Seite und zog ihre Freundin mit.
    Sie war wirklich der schlimmste Dickkopf, den ich kannte, sie verzieh einem nichts, aber auch gar nichts. Den Typen, der sie heiraten würde, bedauerte ich aufrichtig.
    Doch Alex nahte unterdessen und verkündete mir, er erwarte uns auf eine Runde Poker mit allem Drum und Dran. Das war ein Wort. Und da es an der Zeit war, sich zu entscheiden, wo man zu schlafen gedachte, und sich einiges bereits abzeichnete, holten wir unsere Pyjamas, während er die Karten mischte. Im Gang herrschte ein wahrer Trubel, eine Atmosphäre wie auf einem Lagerplatz, in letzter Minute wurden die Schlafstätten getauscht und Reden geschwungen über die Liegeplätze oben oder unten.
    Es gibt Dinge, von denen weiß man, sieht sie aber nicht gern. Daß Georges und Rebecca miteinander schliefen, wußten wir, nur daß sie zu Hause getrennte Zimmer hatten. Und daß meine Mutter empfindliche Stellen hatte, die Spaak vermutlich kannte, wußte ich auch, aber es berührte mich doch seltsam, daß sie zu viert das gleiche Abteil bezogen. Ich warf meiner Mutter einen eisigen Blick zu, während ich ihr meinen Pyjama aus der Hand nahm.
    »Ramona schläft also nicht hier?« nuschelte ich undeutlich.
    »Wie du siehst«, antwortete sie.
    Man mußte schon früher aufstehen, um sie aus der Fassung zu bringen. Und außerdem sah ich mich inzwischen ein wenig vor. Sie war glatt imstande, mir ausführlich weitere Einzelheiten ihres Liebeslebens zu verraten, wenn ich nicht aufhörte, und die wollte ich nun wirklich nicht hören. Immerhin war es das erste Mal, daß sie sich von Ramona trennte. Ich wollte nicht, daß sie mich für blöd hielt.
    »Meine Güte!« stieß ich hervor, als ich mit Oli den Gang zurückstiefelte. »Die haben anscheinend gar keine Hemmungen!«
    »Wer?«
    »Der Papst!«
    Irgendwie konnte ich mir nicht erklären, warum ich bei dieser Geschichte rote Ohren bekam. Ich blieb einen Moment im Gang stehen und preßte meine Stirn gegen die eiskalte Scheibe, wie jemand, der nach draußen starrt. Es gab nichts zu sehen. Das war etwas anderes, als wenn sie von Spaak abends abgeholt wurde und erst am nächsten Morgen zurückkam. Diesmal war mir danach, sechs Fuß tief im Boden zu versinken. Nur ein Hornochse hoch drei hätte sich gefragt, wonach Elisabeth Benjamin an diesem Abend der Sinn stand! Wem war nicht bekannt, was meine Mutter mit diesem elenden Arzt treiben wollte, und das vor unserer Nase? Mir war, als bohrten sich Blicke in meinen Rücken, und ich hatte das Gefühl einer entsetzlichen Schande und biß mir auf die Lippen.
    Nachdem ich mich an der Finsternis sattgesehen hatte, in der Oli vergeblich etwas zu erblicken versuchte, gingen wir zu Alex und Chantal. Wir zogen die Tür hinter uns zu, und ich fühlte mich besser, als Alex mir eine Zigarette anbot. Chantal stand auf, um die Scheibe ein wenig hinunterzuschieben.
    »Wie wär’s mit ’ner Runde Strip-Poker?« schlug er vor, während er mir Feuer gab.
    Oli fing hinter mir an zu husten. Ich selbst starrte auf die Flamme des Streichholzes.

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