Pas de deux
Und Chantal stieß ein kindisches Lachen aus und ließ sich auf die Bank fallen.
»Komm, hör mit dem Quatsch auf!« murmelte sie lächelnd.
Oli und ich grinsten dümmlich.
Alex teilte die Karten aus. Er erklärte, wir hätten keine Ahnung, wie man sich amüsiert, aber er war immer noch gut gelaunt und scherzte wie gewohnt, während er die ersten Einsätze einheimste.
Die Runde ließ sich angenehm an. Wir spielten scharf, aber ziemlich entspannt, keineswegs unempfänglich für den Charme dieser Reise und der Nacht, die draußen vorbeipfiff. Nach einer Weile stand Chantal auf und schnappte ein wenig frische Luft am Fenster. Ich hatte gemerkt, daß sie ein wenig betrunken war, sie lachte über jede von Alex’ Äußerungen, obwohl sie nicht immer umwerfend komisch waren, oder lehnte sich gegen seine Schulter, während wir Karten gaben. Ich erinnerte mich, daß wir sie einmal nach einem Fest auf ihr Zimmer hatten tragen müssen. Alex zog eine Flasche Cognac aus seiner Tasche.
In Berlin verlangte man unsere Pässe zu sehen. Ich mußte ein, zwei Minuten warten, bis sich meine Mutter dazu bequemte, die Tür aufzumachen. Sie war im Unterrock und tat mir gegenüber so, als läge sie brav im Bett, aber das ganze Abteil stank nach Schweiß, und erneut begegneten sich unsere Blicke. Ich wartete mit gesenktem Kopf, daß sie mir endlich unsere Papiere gab, indes sich meine Kehle zusammenschnürte. Danach wollte sie wissen, was wir taten, aber ich packte die Pässe und verschwand, ohne noch ein Wort zu sagen.
Chantal lachte schallend, als ich zurückkam. Plötzlich kam sie mir idiotisch, laut und abstoßend vor. Sie hatte inzwischen genug intus. Kurz zuvor war mir ihre Fröhlichkeit noch tief in den Unterleib gekrochen, sie hatte mich erfüllt und das Abteil erstrahlen lassen. Ich kaute an meiner Wut, während ich wieder Platz nahm, und übertrug auf Chantal, die immer lauter gluckste und zappelte, den gesamten Groll, den ich künftig gegen die Frauen schlechthin hegen würde, gegen meine Mutter, die mich verriet, gegen Ramona, die mir Fesseln anlegte, und auch gegen Edith, die nur Streit kannte und das Lächeln, das sie einem morgens schenkte, am Abend mit einem Faustschlag in die Fresse quittierte. Ich haßte sie alle, wie sie da waren, sie machten einem das Leben bitter, grausam und hoffnungslos, sie machten mit uns, was sie wollten, quälten uns, demütigten uns, richteten uns ab wie Hunde, und was sie uns brachten, war nicht Licht, sondern Feuer, eine feurige Horde, die alles auf ihrem Weg verwüstete, Ausgeburten der Hölle. Nur daß ich nicht die Absicht hatte, auf mir herumtrampeln zu lassen, wenn sie es wissen wollten. Ich würde ihnen gehörig zu schaffen machen.
Wir beendeten die Runde um Punkt ein Uhr morgens, kaum eine halbe Stunde nachdem wir wieder losgefahren waren, aber Chantal wollte sich hinlegen, sie hatte die Nase voll vom Pokern und gebärdete sich immer verrückter. Wir hätten weiterspielen können, wenn sie nicht andauernd dazwischengequatscht hätte. Wir klappten die Liegebetten auf. Alex schaltete die Deckenlampe aus, und das Nachtlicht tauchte die Räumlichkeiten in eine bläuliche Finsternis, in der Oli und ich uns auszukleiden begannen, er oben, ich unten. Alex und Chantal standen am Fenster und gaben sich einen langen Kuß, aber das war keine Überraschung. Das war auch der Grund, weshalb sie der Runde ein Ende gemacht hatte, sie hatte sich, ohne sich groß um uns zu scheren, den ganzen Abend an Alex geschmiegt, und jetzt hatte sie, was sie begehrte. Ich nahm an, sie mußte total knülle sein, sich derart zu verhalten, wo doch Oli und ich die besten Logenplätze hatten. Normalerweise war sie eher zurückhaltend, die paar Abenteuer, die wir mitbekommen hatten, waren ziemlich diskret verlaufen, und soviel wir wußten, gehörte sie nicht zu denen, die sich zur Schau stellten. »Armer Irrer!« sagte ich zu mir. »Merke dir, du kannst sie alle jederzeit ohne ihre Maske erwischen!«
Wir lagen erwartungsvoll auf unseren Betten, mucksmäuschenstill und entschlossen, um keinen Preis aufzufallen und uns nichts entgehen zu lassen. Ich brauchte gut fünf Minuten, um meine Schlafanzugjacke zuzuknöpfen, so sehr waren meine Sinne von dem Schauspiel gefangen. Alex hatte sich hingesetzt, so daß sie jetzt zwischen seinen Beinen stand, ich sah nur seine Hände an ihren Seiten, die auf und ab fuhren und Chantals Rock nach unten zogen, daß er zu Boden fiel, als er ihre Hüften ergriff, und wir waren so nah,
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