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Pas de deux

Pas de deux

Titel: Pas de deux Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Philippe Djian
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Abend all diese Störenfriede vertreiben.
    Und tatsächlich verschwand die Sonne bereits hinter den Wipfeln. Wir gingen baden. Und das Wasser hatte beinahe den Geschmack von einst (er war darin geschwommen, er hatte seine Wäsche darin gewaschen und Töpfe und Teller gespült, und der Grund war voller Kieselsteine, die er um 1845 herum dort hineingeworfen hatte).
    Später, als wir bemerkten, daß sich die Gegend wahrhaftig leerte, holten wir unsere Schlafsäcke und etwas Proviant aus dem Wagen. Dann stiegen wir wieder zum See hinab und wanderten gegen den Strom der Badenden, die zurück zum Parkplatz strebten, am Ufer entlang, weiter als beim ersten Mal, bis wir ein romantisches Plätzchen fanden.
    Hände an den Hüften, Füße im Wasser, kniff ich die Augen zusammen und begann endlich zu lächeln, während ich in die Stille lauschte, die sich ringsum ausbreitete. Es wurde Abend, die Sterne sanken herab, der Wald war schwarz und niemand mehr zu sehen, alles andere war nur ein böser Traum gewesen. Ich gönnte mir erneut ein paar kräftige Stöße, dann drehte ich mich auf den Rücken und ließ mich durch den dunklen Charme dieses Ortes treiben, entzückt, als ein Fisch neben mir aufsprang und mit mir ein freundliches Zwinkern wechselte.
    Finn hatte Brote gemacht. Als ich losgehen wollte, um Holz zu sammeln und ein Feuer anzuzünden, riet er mir davon ab, hier könnten nämlich Wächter patrouillieren, meinte er, und die sähen das nicht gern. Ich ließ also davon ab, obwohl man meines Erachtens jetzt, wo sich alle Welt verdrückt hatte, eher riskierte, dem Waldgeist in die Arme zu laufen als einer durch die Dunkelheit irrenden Patrouille, aber ich wollte ihn nicht beleidigen, und die Temperatur war außergewöhnlich mild. Wir begannen zu essen, und dabei hörten wir eine Eule, ein seltsames Plätschern, lauter knack!, plumps!, klick!, krrr! und eine Menge anderer Geräusche, die zu identifizieren einigen Spaß machte. Ich zerquetschte ohne jeden Haß eine Mücke auf meinem Arm und versuchte Finn zu erklären, wie sehr ich dieses Land liebte, wie oft ich schon, und das in den meisten Staaten, die ich bereist hatte, von seiner Schönheit überwältigt gewesen sei, regelrecht atemlos angesichts der weiten Räume, beklommen ob der Kraft der Empfindungen, die es in mir wecke, Herrgott, ja, ich liebte dieses Land, seine Farben, seine Wüsten und den krassen Übergang von Städten zu wilden Horizonten, die einen die wahre Größe des Menschen erkennen ließen und einem die Lungen zerrissen und einen mit ihrer Pracht tagelang erschlugen. Er sagte, er würde gern mal Paris sehen, und das Zentralmassiv, von dem er gehört hatte.
    »Die Bretagne nicht zu vergessen«, erwiderte ich. »Ah, wenn du die Provence sähst und das Baskenland!«
    Ich zerquetschte eine weitere Mücke. Nach einer Weile dann fragte ich ihn, wie es komme, daß sie alle über mich herfielen und ihn in Ruhe ließen. Das ging so weit, daß ich nicht mehr ruhig sitzen konnte. Eine von ihnen hatte mein Augenlid anschwellen lassen und mir jäh den nächtlichen Zauber vergällt, der durch das unvermittelte Auftauchen einer still funkelnden Mondsichel entstanden war, die ich kurz zuvor noch freudig begrüßt hatte. Denn inzwischen war ich vollauf mit meinen Blutsaugern beschäftigt und benutzte mein noch unversehrtes Auge – das ich behutsam aufsperrte – nicht wie jeder geistig halbwegs gesunde Mensch zur Betrachtung der Außen- oder meiner Innenwelt, sondern einzig zur Überwachung ihrer Landemanöver. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus, da sie mich bei lebendigem Leib verzehrten, ich machte schleunigst ein Feuer und sagte zu Finn, das Risiko nähme ich auf mich. Außerdem glaubte ich eh nicht, daß es eins war.
    Keine Minute später war ich hundertfünfzig Dollar los. Und als der Typ die Lampe auf mein Gesicht hielt, wollte er wissen, ob ich mich geprügelt hätte und wer mich dermaßen zugerichtet habe. Ich antwortete ihm, das komme vom Lesen.
    Wir packten unsere Schlafsäcke zusammen. Und während wir uns auf den Rückweg machten, erklärte mir Finn, das Wasser sei nicht übel. (Its thin current slides away, but eternity remains, Walden.)
     
    22. Dezember 1958
    Heute abend war Leonid Jacobson, der Ballettmeister des Kirow-Balletts, im Saal. Vor zwei Jahren war zu Hause nur von ihm die Rede. Wenn er an einen Typen geriet, der aus Leningrad kam, ließ Papa ihn nicht mehr los. Jacobson hatte gerade Die Wanze nach Majakowski inszeniert, und Papa war

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