Pas de deux
mich mit der Akademie der Wissenschaften oder dem Museum der Kriegsmarine vollzulabern. Das war urplötzlich über mich gekommen. Das ist etwas, das kann man nicht erklären. Vielleicht fünf Minuten früher hätte ich mich nicht so treibenlassen. Ich hatte noch am Abend mit Myriam über Juri geredet, und ich hatte ihr gesagt, daß ich nicht gerade begeistert sei. Wie sich doch alles im Handumdrehen ändern kann. Nun gut, er war im rechten Augenblick und in der richtigen Umgebung da. Das war wie ein Verlangen nach Erdbeereis, das einen plötzlich überkommt. Schließlich hat er sich einen Ruck gegeben und mir über die Wange gestreichelt. Daraufhin habe ich mich auf die Zehenspitzen gestellt, mich an ihn gepreßt und ihm meine Zunge in den Mund geschoben. Kein Grund, so ein Theater zu machen.
Ich war einfach in einer träumerischen und zärtlichen Stimmung, wie betäubt von dieser Stadt und diesem Zauber, eine Sache ohne jede Konsequenzen.
Aber dieser Schwachkopf von Henri-John hat sich auf uns gestürzt, und bevor wir kapierten, wie uns geschah, hat er uns getrennt und Juri mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Er war leichenblaß. Ich dachte schon, er wollte mich auch schlagen, aber das, das wäre wirklich zuviel gewesen. Kurz und gut, Juri hat sich aufgerappelt, und er ist immerhin über zwanzig und für Henri-John eine Nummer zu groß, und so was vor all seinen Freunden, das konnte er sich nun doch nicht bieten lassen. So daß Henri-John ein übles Viertelstündchen erlebte, bis wir endlich dazu kamen, die beiden auseinanderzureißen. Er sah böse aus, er blutete aus der Nase und ballte weiter die Fäuste, als Juri mit seiner Gruppe davonzog. Ich hab den andern gesagt, es sei halb so schlimm und sie brauchten sich nicht um uns zu kümmern, ich würde Henri-John ins Hotel bringen.
Dann habe ich ihn am Arm gepackt. Ich habe kein Wort mit ihm gesprochen. Den Rückweg sind wir fast gelaufen, kalt konnte uns gar nicht werden. Und zu den andern unten im Saal sind wir auch nicht gegangen. Wir sind unbemerkt auf sein Zimmer gerannt.
Ich habe ihm dabei geholfen, sein Gesicht zu säubern. Danach haben wir uns fürchterlich angeschrien. Und wie gesagt, er ist über mich hergefallen, als ich ihn fragte, ob er in mich verliebt sei. Aber das wollte ich nur, das war das Richtige, um mich abzureagieren, und obwohl er stärker ist als ich, hätte ich ihn fast verdroschen und ihm alle Haare vom Kopf gerissen.
Leider ist der Zimmerkellner nicht reingekommen, so daß ich nicht am Arm eines Typen aus dem Zimmer stolzieren konnte, was großartig gewesen wäre. Mir war zum Heulen.
Heute morgen erhielt ich einen Brief von Oli.
Ich bin für zwei Tage in Leningrad. Erinnerst Du Dich noch? Nur daß jetzt Sommer ist, und … Wie lange ist das schon her? Dreißig Jahre? Das Sinn-Fein-Ballett wird im Januar in der Kirow-Oper auftreten, und wenn Du Lust hast … Weißt Du, es hat sich eigentlich nichts geändert, es ist alles noch so, wie wir es zurückgelassen haben. Ich habe unser Hotel und auch das Theater aufgesucht, und ich denke, es hätte Dir auch Spaß gemacht. Juri ist mittlerweile der Direktor des Theaters. Er erinnert sich an Dich.
Vor meiner Abreise habe ich Edith getroffen, wir haben zusammen zu Mittag gegessen. Sie war guter Dinge, aber wie soll ich sagen, ihr schien daran zu liegen, es zu sein, und ich kann es Dir nur weitergeben. Ihr Buch ist bald fertig, sie arbeitet von morgens bis abends daran. Sie hat einfließen lassen, sie komme nicht dazu, an etwas anderes zu denken. Ich glaube, in gewisser Weise stimmt das auch. Wenn man sie hört, hätte sie ihre Entscheidung sicher nicht rückgängig gemacht, aber ich weiß, daß sie keine definitiven Schritte unternommen hat. Es ist mir gelungen, Papa davon zu überzeugen, daß er sie mit dieser Sache in Ruhe läßt. Das war nicht einfach, wie Du Dir vorstellen kannst, das hat sich bei ihm zu einer fixen Idee entwickelt. Ich will Dir nicht verschweigen, daß es knallen wird, wenn sie sich entschließt, bis zum Äußersten zu gehen, aber das weißt Du so gut wie ich. Das Thema ist elektrisch geladen.
In zwei Wochen werde ich in New York sein. Ich bin nicht zur Ruhe gekommen, seit wir uns getrennt haben, und ich muß ein wenig Luft schnappen. Ich muß Dir Giulietta vorstellen, eine junge italienische Tänzerin, die ich im Frühling engagiert habe. Du wirst sehen, sie ist die personifizierte Anmut und Schönheit … aber diesmal, keine Bange, ich bin nicht verrückt. Ich
Weitere Kostenlose Bücher