Pfad der Schatten reiter4
Schmelzwasser strömte laut und wild wie Gebirgsbäche aus den Abflüssen und Drainagelöchern in den Burgwällen. Das Eis auf den Pfaden zerschmolz zu Matsch. Der eigentliche Frühling war immer noch weit entfernt, und in der Luft lag noch die Schärfe des Nordwindes, aber es war doch ein Ende in Sicht.
Nach ihrer Rückkehr aus Corsa hatte Karigan nur kurz mit Hauptmann Mebstone gesprochen, um ihr die Nachricht von ihrem Vater zu überbringen. Damals war ihr Osrics grauenhafte Heimkehr noch frisch im Gedächtnis gewesen, und das Gesicht des Hauptmanns war ernst und blass. Sie überflog die Nachricht, wobei sie ihre Augenbrauen hob und die Lippen schürzte. Bildete Karigan es sich nur ein, oder wurde der Gesichtsausdruck des Hauptmanns ein wenig weicher und entspannter? Doch es war nur wie ein kurzes Aufleuchten der Sonne zwischen dichten Wolken; allzu bald wurde sie wieder verschlossen und entließ Karigan mit einem kurzen »Wegtreten«.
Mit Ausnahme des Gedenkkreises und Osrics Verabschiedung sahen die Reiter ihren Hauptmann von da an nur selten. Laut Mara traf sie sich häufig zu Beratungen mit dem König und seinen Ratgebern.
»Zweifellos geht es dabei um Birch und das Zweite Reich«, sagte Mara, während sie und Karigan eines Nachmittags dem Stallburschen Hep halfen, die Pferde zu füttern. »Wahrscheinlich auch um die Eleter.«
»Die Eleter? Was ist mit den Eletern?«
»Ach ja, richtig«, sagte Mara, »du warst ja nicht hier. Wahrscheinlich waren die Eleter wegen der Sache mit Osric nicht mehr das Hauptthema des Tratsches. Drei Eleter sind gekommen, um den König zu sehen.«
Karigan ließ beinahe ihre Getreidekelle fallen. »Eleter waren hier? Was wollten sie?«
»Anscheinend wollten sie ganz Eletien mit Schokolade eindecken«, sagte Mara, die Heu aussortierte, um es in eine andere Stallbox zu werfen.
»Was?«
Mara nickte weise. »Meister Gruntler hat Tage gebraucht, um genügend Zucker und Kakao zu ergattern, damit er seinen
Laden wieder öffnen konnte, nachdem die Eleter seinen ganzen Vorrat aufgekauft hatten. Falls du Lust auf Drachenschokolade hast, vergiss es.«
Pferde, die noch nicht gefüttert worden waren, wieherten ungeduldig und traten in ihren Boxen gegen die Wände. Der lauteste von allen war vielleicht Elgins Esel Eimer, der getreu seiner Gewohnheit seinen Eimer herumstieß.
»Eleter kamen nach Sacor-Stadt, um Schokolade zu kaufen? Sonst nichts?«
Mara bemühte sich, ernst zu bleiben, aber sie schaffte es nicht. Sie lachte, und Karigan war restlos durcheinander.
»Mara!«
»Schon gut, schon gut. Sie waren nicht nur wegen der Schokolade hier. Laut Hauptmann Mebstone planen die Eleter eine Expedition in den Schwarzschleier.«
Karigan stand wie erstarrt, obwohl sie gar nicht wusste, warum. Der Lärm der Pferde, Mara, der Stall selbst, alles verschwand. Ihre Hand tastete nach dem Mondstein in ihrer Tasche. Irgendetwas nagte an ihren Gedanken, aber sie spürte nur eine Leere im Kopf. Gab es da etwas, woran sie sich erinnern sollte?
Das Kitzeln einer weißen Feder im Gedächtnis … »Karigan?«
Karigan schüttelte den Kopf. »Eleter«, sagte sie.
Mara warf ihr einen sonderbaren Blick zu. »Ja, Eleter.«
»Und der König und seine Ratgeber beraten über diese Expedition?«
»Ich nehme es an, aber der Hauptmann hat nicht verraten, worüber sie genau sprechen. Zumindest jetzt noch nicht.« Mara zuckte die Achseln. »Wenn die Eleter sich umbringen lassen wollen, indem sie diesen Ort betreten, ist das ihre Sache, wenn du mich fragst.«
Schweigend begann Karigan wieder, Getreide in die Eimer
zu füllen. Wieder waren die Eleter nach Sacor-Stadt gekommen. Woran konnte sie sich nicht erinnern? Sie seufzte. Falls es wichtig war, würde es ihr schon wieder einfallen.
Zu ihrem Leidwesen entdeckte Karigan, dass sich in ihrer Abwesenheit niemand um die Reiterkonten gekümmert hatte. Dies war normalerweise die Pflicht des Kommandanten, aber aufgrund ihrer Handelskenntnisse hatte der Hauptmann Karigan damit beauftragt.
Während sie die Kontenbücher prüfte, in denen unzählige Einträge fehlten, begriff sie, dass es ihre eigene Schuld war. Sie hatte vergessen, jemandem diese Aufgabe für die Dauer ihrer Abwesenheit zu übertragen – sie war zu sehr damit beschäftigt gewesen, sich über die bevorstehende Konfrontation mit ihrem Vater Sorgen zu machen.
»Idiotin«, beschimpfte sie sich mehrfach.
Nun bezahlte sie für diese Nachlässigkeit, rannte auf der Suche nach sämtlichen
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