Pfad der Schatten reiter4
lernen zu überleben.«
Mit dieser ernüchternden Bemerkung ging Elgin zurück zum Gemeinschaftsraum, und Karigan betrachtete den Stapel Papiere vor ihrer Tür. Elgin hatte natürlich recht, aber die Fähigkeit, einen wütenden Adligen mit korrektem Benehmen zu beruhigen, hatte wahrscheinlich ebenfalls ab und zu einen Reiter gerettet.
Sie zuckte die Achseln und sammelte die Papiere auf. Ein Brief fiel zu Boden, und als sie ihn aufhob, sah sie, dass er von Alton stammte. Ihr Bad, dachte sie, konnte noch ein paar Minuten warten.
Sobald sie sich in ihrem Zimmer verschanzt und ihre Stiefel ausgezogen hatte, erbrach sie das Siegel mit einer Mischung aus Freude und Angst. Seit dem Herbst hatten sie schon einmal Briefe ausgetauscht, und er hatte sich dafür entschuldigt, wie er sie behandelt hatte, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Er hatte erklärt, dass sowohl der Schwarzschleierwald als auch Mornhavon seinen Geist vergiftet und gegen sie eingenommen hatten. Aber er benutzte das nicht als Ausrede, sondern nahm alle Schuld auf sich und beteuerte, dass er ein Trottel gewesen sei, auf solche bösen Täuschungen hereinzufallen. Wie konnte er jemals an ihr gezweifelt haben?
Die Demut seiner Bitte um Entschuldigung hatte alle Verwirrung und allen Schmerz bereinigt, die sein Verhalten ihr verursacht hatte. Sie waren immer noch Freunde, aber …
Aber.
Vielleicht hatte sie damals zu viel in den Brief hineingelesen, aber sie hatte das Gefühl gehabt, dass er mehr sein wollte als nur ihr Freund. Vielleicht lag es daran, wie leidenschaftlich er seinen Wunsch ausgedrückt hatte, sie wiederzusehen, und wie sehr er sich danach gesehnt hatte, sein früheres schlechtes Benehmen wiedergutzumachen. Sie schüttelte den Kopf. Nein, es
hatte bestimmt mehr hinter seinen Worten gesteckt, ganz zu schweigen von ihrer gemeinsamen Geschichte.
Einmal waren sie beinah »mehr als Freunde« geworden, aber beide hatten so viele Aufträge bekommen, dass sie nie Zeit füreinander hatten; es hatte nie funktioniert, und Karigan hatte entdeckt, dass sie darüber erleichtert gewesen war. Sie hätte nicht genau erklären können, warum, aber irgendwie konnte sie sich Alton nicht als ihren Geliebten vorstellen. Es fühlte sich irgendwie falsch an, und vermutlich wäre ihre Freundschaft durch die Komplikationen einer Liebschaft zerstört worden. Letzten Endes hatten sie sich für die Freundschaft entschieden, obwohl eine gewisse Spannung zwischen ihnen geblieben war, der Hauch einer Möglichkeit am fernen Horizont …
Obwohl sie sich freute, einen Brief von ihm zu erhalten, verursachte es ihr auch Unbehagen, wenn sie daran dachte, was er ihr vielleicht sagen würde. Ob er wieder den Wunsch äußerte, mehr als ein Freund zu sein?
Alton begann den Brief mit den üblichen Begrüßungsformeln und schimpfte über den Winter. Er erwähnte, wie viel leichter seine Arbeit wäre, wenn ihm der König ein kleines Kontingent Reiter senden würde, einen für jeden Turm. Er und Dale waren überfordert gewesen, alle Türme während des schlechten Wetters zu besuchen, und hatten nur die Strecke zu den nächstgelegenen bewältigt.
Er beklagte sich über die Turmmagier und ihre Neigung zum Feiern. Er erwähnte Namen und Persönlichkeiten, die Karigan nur schwer auseinanderhalten konnte, mit Ausnahme von Merdigen, den sie kennengelernt hatte.
Allerdings freute er sich, berichten zu können, dass die Hüter des Walls anscheinend zufrieden waren. Er kontrollierte sie oft, um sich zu vergewissern, dass das Lied, das den Wall zusammenhielt, stark und harmonisch blieb.
Und dann kam es: Vielleicht könnte der Hauptmann Dich hierherschicken. Das werde ich vorschlagen. Wir könnten viel mehr Zeit zusammen verbringen, und es wäre viel besser als Briefe, wenn ich Dich hier bei mir hätte. Wir könnten alles, was passiert ist, viel besser bereinigen, wenn wir persönlich miteinander sprechen könnten. Ich habe den ganzen Winter pausenlos an Dich gedacht, und ich will Dich wirklich … Hier hatte er aufgehört, etwas durchgestrichen und stattdessen geschrieben: wiedersehen und ganz neu anfangen. Bitte, komm bald.
Karigan schluckte schwer. Er dachte pausenlos an sie? Und was hatte er ausgestrichen? Sie versuchte, das Papier gegen das bisschen Licht zu halten, das durch die Schießscharte, die als ihr Fenster diente, hereinfiel, aber er hatte die Tinte zu ausgiebig benutzt und sie konnte das Durchgestrichene nicht ausmachen. Was wollte er wirklich?
Es war klar, dass
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