Pfad der Schatten reiter4
eingestimmt zu sein schien, wollte er nicht gern darüber ausgefragt werden. Natürlich hätte er ihn nicht tragen müssen, aber er konnte es einfach nicht lassen. Er hielt es für zu riskant, ihn einfach auf seinem Ankleidetisch liegen zu lassen, und er traute sich auch nicht, ihn in der Hosentasche zu tragen. Was wäre, wenn er ihn verlieren würde?
Aber da er nun direkt auf den Ring angesprochen worden war, konnte er ihn nicht verstecken, also streckte er seine Hand aus, damit Lady Estora und sein Vetter ihn betrachten konnten.
»Er ist wunderschön«, sagte Lady Estora. »Wunderschön und sehr alt, wenn ich mich nicht irre. Ist er ein Familienerbstück?«
»Nein. Ich erstand ihn bei einem Antiquitätenhändler. Ich konnte nicht widerstehen, als ich ihn sah.« Die Lüge ging ihm leicht von der Zunge.
»Ich kann verstehen, warum«, sagte Zacharias. »Er ist meisterhaft gearbeitet, und der Rubin ist sehr klar und feurig.«
»Ja«, murmelte Amberhill, dem bei ihrem Interesse an seinem Ring unbehaglich zumute war. Er zog seine Hand zurück, und sie lehnten sich wieder an.
»Vor vielen Jahrhunderten«, sagte Lady Estora, »in den Tagen vor dem Langen Krieg, gab es mächtige Seekönige, die große Teile unserer Küste beherrschten und viele unserer Länder eroberten. Es heißt, dass sie im Krieg grausam waren, aber großzügig zu ihren Freunden und Familien, und dass ihnen Schönheit und Kunsthandwerk über alles gingen. Ihr Wappen war der Drache oder die Seeschlange.«
»In Hillander«, sagte Zacharias, »hat man Ruinen ihrer
Ansiedlungen gefunden, die schon halb im Meer versunken waren, und die wenigen Gegenstände, die es dort noch gab – Tonscherben, Metallarbeiten und dergleichen – trugen das Drachenemblem.«
Amberhill hatte im Zusammenhang mit seinem Ring schon einmal von den Seekönigen gehört, und zwar von zwei exzentrischen älteren Schwestern. Seitdem hatte er mit der Regelung seiner Geschäfte zu viel zu tun gehabt, um weitere historische Untersuchungen über sie anzustellen, und deshalb war er nun erstaunt zu hören, dass sie auch in seiner Heimatprovinz Hillander gewesen waren. Allerdings lag sein Anwesen im Landesinneren, und er war kein Gelehrter, deshalb überraschte es ihn nicht, dass er nichts über sie gewusst hatte.
»Das ist ja hochinteressant«, sagte er, als hätte er zum ersten Mal von den Seekönigen gehört.
»Ich nehme an, dass das Blut dieses Volkes noch immer in unseren Adern fließt«, sagte Lady Estora. »Was die Könige selbst angeht, heißt es, dass sie in den Finsteren Zeitaltern mit all ihren Schätzen an Bord ihrer Schiffe gingen und durch den Nebel nach Osten segelten, um nie wieder zurückzukehren.«
»Geheimnisvoll«, sagte Amberhill, denn das war es wirklich. Anders als die alten Schwestern erwähnten weder Lady Estora noch Zacharias irgendetwas über echte Drachen oder irgendwelche Kräfte, die sein Ring vielleicht ausstrahlte. Allerdings hatten die Schwestern ebenfalls irgendetwas Unheimliches an sich gehabt.
»Es gibt in Coutre natürlich viele Legenden über die Seekönige«, sagte Lady Estora. »Meistens erzählt man sie, um den Kindern Angst einzujagen, damit sie sich gut benehmen. Ich habe damals immer gezittert, wenn ich mir vorstellte, dass diese Schiffe mit ihren drachenköpfigen Galionsfiguren und Drachenflaggen über das Meer zurückkämen – mit schwarzen
Rudern und einer Geistermannschaft, die schwarze Segel hisste.«
»Ich frage mich«, überlegte Zacharias, »was die Eleter uns wohl über sie erzählen könnten. Viele heute lebende Eleter haben auch zu jener Zeit schon gelebt. Nicht, dass man von einem Eleter jemals eine eindeutige Antwort bekäme.« Sein Gesichtsausdruck wirkte geradezu niedergeschlagen.
Das Feuer erstarb im Kamin, die ältere Anstandsdame war mit ihrer Stickerei auf dem Schoß eingeschlafen, und von dem Gebäck waren nur noch Krümel übrig. Sogar die beiden Terrier hatten sich ausgestreckt und waren fest eingeschlafen. Amberhill schätzte, dass überraschend viel Zeit vergangen war.
»Ich muss aufbrechen«, sagte Amberhill, und auf Lady Estoras Gesicht zeichnete sich Enttäuschung ab. »Aber nicht ohne Hochzeitsgeschenke. Für meinen Vetter ein Fohlen oder eine Stute seiner Wahl aus meinem Gestüt, sobald die erste Zuchtsaison vorüber ist.«
»Xandis …«, begann Zacharias zu protestieren.
Amberhill schnitt ihm mit einer Geste das Wort ab. »Es ist mir ein großes Vergnügen und bedeutet nicht die geringste
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