Pfad der Schatten reiter4
Klinge.« Er händigte dem alten Mann den Bogen aus.
»Und jetzt verschwindet«, befahl Amberhill. »Wenn ich euch noch mal dabei erwische, diesen Herren oder sonst jemanden zu belästigen, werde ich wesentlich unhöflicher sein.«
Diesmal gehorchten ihm die beiden und rannten die Straße hinunter.
Der alte Mann wischte sich mit einer zitternden Hand die Stirn. Mit der anderen umklammerte er den Bogen so fest, dass die Knöchel weiß wurden. Amberhill bemerkte, dass es tatsächlich ein schöner Bogen war, elegant und mit ziselierten Schnitzereien verziert.
»Ich … ich weiß nicht, wie ich Euch danken soll, Herr«,
sagte der Mann. Seinem Akzent nach stammte er aus dem Westen.
»Ist schon gut. Die beiden haben so etwas schon lange verdient.«
»Ich heiße Miller. Galen Miller.« Er bot seine Hand zum Gruß, und Amberhill schüttelte sie. Es war die Hand eines Bogenschützen, und er war überrascht, wie kraftvoll sie war, obwohl der Mann offensichtlich ein Leiden hatte. Dann richtete sich Galen Miller zu seiner vollen Größe auf. Er war groß und breitschultrig, aber er konnte sein Zittern nicht beherrschen. Er erinnerte Amberhill an einen Onkel, der an Schüttellähmung gelitten hatte und im Lauf der Jahre immer mehr abbaute; sein Körper war zerfallen, und sein Geist hatte sich getrübt, bis er schließlich starb und nicht im Geringsten dem stolzen, starken Mann ähnelte, der er einmal gewesen war.
»Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte Amberhill, ohne seinen eigenen Namen zu nennen. »Es ist nicht allzu sicher in dieser Gegend nach Einbruch der Dunkelheit.«
»Ich komme von weit her«, sagte Galen. »Von weit, weit her. Ich steige in dieser Herberge ab.«
»Hier?«, fragte Amberhill, der die Unterbringung für sehr armselig hielt.
»Es ist der richtige Ort«, antwortete der Mann mit Überzeugung. Er hob den Blick und betrachtete das Dach. »Jawohl, der richtige Ort.«
»Falls Ihnen die Herberge doch nicht zusagt, wird dies Ihnen helfen, etwas Bessere zu finden.« Amberhill schob drei Silbermünzen in die Hand des Mannes.
Galen Millers Augen weiteten sich. »Herr, das kann ich nicht annehmen! Es ist zu viel.«
»Es ist nur eine Kleinigkeit. Ein Willkommensgruß für einen Reisenden, der unsere Stadt besucht.«
»D-danke schön. Das … das bedeutet mir sehr viel.«
Amberhill nickte und überlegte, wie er das Gespräch höflich beenden sollte, damit er sich wieder in die Schatten zurückziehen und seine Wache fortsetzen konnte.
»Sie müssen das dunkle Bier probieren«, sagte er. »Die Herberge ist nicht die edelste, aber sie hat das beste dunkle Bier in der ganzen Stadt.«
Der Mann nickte. »Danke nochmals.« Er sah zur Herberge hinüber, und während seine Aufmerksamkeit dadurch abgelenkt war, zog sich Amberhill wieder in sein Schattenversteck zurück. Er beobachtete, wie Galen Miller sich umdrehte, als wollte er weiter mit ihm reden, und sich dann am Kopf kratzte, weil er so plötzlich verschwunden war. Mit einem zitternden Achselzucken sank der alte Mann wieder in sich zusammen, bevor er die Herberge Hahn und Henne betrat.
Amberhill lächelte. Er bemühte sich nicht oft, jemandem in Not zu helfen. Sein Hauptanliegen war es immer gewesen, sich selbst zu helfen, aber seit dem Debakel mit Lady Estoras Entführung hatte sich irgendetwas in ihm verändert. Vielleicht, weil er erlebt hatte, wie eine einzige Tat andere zum Guten oder Schlechten beeinflussen konnte. Vielleicht, weil er erlebt hatte, wie die Waffen des Königs und die Grünen Reiter – insbesondere diese Karigan G’ladheon – sich selbstlos großen Gefahren aussetzten, sowohl aus Pflichtbewusstsein als auch in dem Wunsch, das Richtige zu tun. Ein Teil von ihm erklärte sie für verrückt, aber ein anderer Teil bewunderte sie.
Er hatte Lady Estora ein Unrecht zugefügt, aber er hatte versucht, sie zu retten, als ihm bewusst geworden war, was er getan hatte. Er hatte Karigan geholfen, der Folter unter den Händen der Schläger des Zweiten Reiches zu entkommen, und er hatte festgestellt … er hatte festgestellt, dass es ihm irgendwie gefiel, anderen zu helfen. Es hatte ihm gefallen, Galen Miller in dieser Nacht zu helfen.
Seine Hand streifte glättend über sein Hemd, als hätte es
ihn nervös gemacht, die Grenzen seines Egoismus zu überschreiten. Er wusste nicht genau, was ihm daran eigentlich gefiel, aber vielleicht war es die Erregung der Gefahr, genau wie damals, wenn er mitten in der Nacht als Rabenmaske die Wand
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