Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Pinguine frieren nicht

Pinguine frieren nicht

Titel: Pinguine frieren nicht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Andrej Kurkow
Vom Netzwerk:
Gesicht drückte Zweifel aus.
    »Stimmt was nicht?« fragte Viktor.
    »Der Wind wird stark. Und bei Wind ist es hier [255] gefährlich zu gehen. Er weht so gegen den Fels, daß man sich nicht immer halten kann.«
    »Aber hier ist doch gar kein Wind.«
    »Bald ist er da«, sagte Maga überzeugt. »Gut, gehen wir. Vielleicht schaffen wir es vorher.«
    Maga murmelte etwas auf tschetschenisch oder in seiner eigenen Sprache und betrat den Pfad. Viktor folgte ihm.
    Vor ihren Augen wurde der Himmel dunkler. Sterne blitzten auf. Der Mond war schon vorher zu sehen gewesen, aber jetzt wurde sein gelber Schein intensiver.
    Viktor blickte auf seine Füße und konnte den Abgrund zu seiner Rechten nicht ignorieren. Das Mondlicht fiel bis auf den Grund der Schlucht, aber Viktor hatte Angst, dort hinunterzuschauen, und konzentrierte seine ganze Aufmerksamkeit auf den Pfad. Man mußte wirklich aufpassen beim Gehen. Immer wieder gab es herabgefallene Steine oder Steinbrocken, über die man leicht stolpern konnte.
    »In zehn Tagen gehe ich nach Hause«, sagte Maga auf einmal.
    »Nach Dagestan?«
    »Nach Chassawjurt. Ich bringe das Geld heim und besuche meine Familie, damit sie sehen, daß ich am Leben bin. Ich habe drei Schwestern, die müssen verheiratet werden. Und meine Eltern sind krank. Verstehst du? Medikamente gibt es nur in Machatschkala, und alles ist schrecklich teuer…«
    Plötzlich blieb Maga stehen und lauschte.
    »Achtung! Runter!« flüsterte er und ließ sich selbst der Länge nach vor Viktor auf den Weg fallen.
    Auf dem kalten Stein liegend, hörte Viktor erst jetzt das [256] näherkommende Hubschrauberdonnern. Seine rechte Hand lag am Rand des Abgrundes. Viktor reckte den Kopf und spähte in die Schlucht. Zuerst sackte sein Blick einfach hinab und verlor sich, nicht im Finstern, sondern in einem gleichförmigen Grau. Allmählich begann Viktor unten Bäume und Bergausläufer zu erkennen, während das Donnern immer lauter wurde.
    Zwei Hubschrauber mit gewaltigen Scheinwerfern flogen etwa dreihundert Meter neben ihnen auf der Höhe ihres Pfades entlang. Die Scheinwerfer durchstreiften die Schlucht. Der riesige Lichtkreis strich über die Bäume dort unten hin.
    »Wen suchen sie da?« fragte Viktor eher rhetorisch.
    »Wen schon! Bassajew, Nagajew, Radujew und die anderen Banditen.«
    Maga erhob sich. Er klopfte den Dreck und den Staub von seinem Tarnanzug und ging weiter.
    Viktor schaute hinunter in die Schlucht. Er hatte auf diesem Pfad keine große Lust, sich zu unterhalten. Erst recht, da der Wind wirklich heftiger geworden war und ihn zwei- oder dreimal plötzlich Windstöße von hinten geschubst hatten. Der Mond schien jetzt mit kurzen Unterbrechungen, denn zwischen ihm und den Bergen zogen immer wieder unsichtbare Wolken durch. In diesen Momenten, wenn der Mond verschwand, stieg Furcht in Viktor hoch, und er klammerte sich mit der linken Hand an die steil neben ihm aufragende Felswand und versuchte weiterzugehen, indem er sie fast mit der Schulter berührte.
    Maga ging weiter, nachdem er sich vergewissert hatte, [257] daß Viktor ihm zunickte. Endlich bog der Weg sanft um die Kurve, und der Abgrund zur Rechten verschwand, die Erde erreichte bald dieselbe Höhe wie ihr Pfad. Viktor blieb stehen, holte tief Luft und entdeckte ein Bäumchen, an dessen Zweigen im Wind kleine Stoffetzen flatterten. Er fragte Maga.
    »Das sind Glücksbringer. Nicht nur ihr Russen habt eure Wunschbäume, an die ihr Fetzen bindet.«
    44
    Gegen Morgen toste der Sturm. Da half auch die gefütterte Katastrophenschutzuniform nichts, Viktor fror. Erst als sie einen hölzernen Schuppen am Rand einer Siedlung betraten und die Tür vor diesem kalten Wind schließen konnten, wurde ihnen wärmer und wohler.
    »Ich gehe gleich weiter, und du bleibst hier«, sagte Maga.
    Viktor sah sich in dem Schuppen um. Da gab es ein paar Schaufeln, an einer Wand einen zu Mannshöhe aufgeschichteten Stapel Brennholz und ein quadratisches Fensterchen mit trübem Glas. Unter ihren Füßen lag Stroh.
    »Hier kannst du kein Feuer machen«, sagte Maga bedauernd. »Na gut… Ich bin bald zurück, es muß irgendwo in der Nähe sein.«
    Allein geblieben, versuchte Viktor zu schlafen, aber es gelang ihm nicht. Vor dem Fensterchen wurde es jetzt hell, nur ließ das trübe Glas wenig von dem Licht durch.
    Die Tür hatte von innen eine Klinke. Jenseits der [258] dünnen Bretterwände herrschte Stille. Nicht mal der Wind war zu hören.
    Viktor saß auf einem Haufen Holz, das er

Weitere Kostenlose Bücher