Pinguine lieben nur einmal
dem Stock in der anderen läuft Janosch die restlichen Stufen hinunter.
»Du bist unheimlich«, flüstere ich.
»Ich weiß«, antwortet er, »die Menschen haben immer Angst vor dem Unbekannten.«
Ich mustere ihn nachdenklich. Ich weiß, dass er recht hat, aber seine Art, das zu sagen, nimmt mich mit. Bei ihm klingt es, als verurteile er die Menschen für ihre Angst.
Nachdem wir eine Weile schweigen, fragt Janosch: »Hast du noch eine Veranstaltung, oder wollen wir den Bus nehmen?«
Was werde ich wohl antworten?
A: Ja, ich habe noch eine Veranstaltung, aber ich werde einen Teufel tun und hingehen. Lass uns lieber zu dir fahren und meine Traumfantasien Wirklichkeit werden lassen.
B: Ich habe noch eine Vorlesung, und die will ich auch wahrnehmen. Bildung ist mir nämlich furchtbar wichtig. Außerdem ist Schwänzen respektlos dem Professor gegenüber.
C: Klingt super, lass uns den Bus nehmen. Wollen wir dann vielleicht zusammen nett Mittag essen und ein bisschen quatschen?
D: Ähm … hehehe, ja, also eigentlich. Aber ja, also, okay, ich komme mit dem Bus mit. Hihi.
Ich setze den Telefonjoker und rufe Feli an, die mir zu folgender Antwort rät: »Ähm… hehehe, ja, also eigentlich. Aber ja, also, okay, ich komme mit dem Bus mit. Hihi.«
Damit lautet die Eine-Million-Euro-Frage, welche körperlichen Schmerzen ich mir für diese Antwort gerne selbst zufügen möchte.
Wenigstens ist der Bus nicht voll, ist ja immer so stressig sonst, versuche ich einen rationalen Gedanken. Aber es hat überhaupt keinen Zweck, mich von Janosch abzulenken. Selbst wenn der Bus kurz vorm Platzen wäre, wäre es mir egal. Die Umgebung verschwimmt am äußersten Rand meines Blickfeldes, so als wäre meine Brille verschmiert. Ich fixiere nur Janosch, der das Gesicht der vorbeirauschenden Straße zugewandt hat, und durchlebe noch einmal jede Sekunde meines Traumes.
»Keine Lust auf Uni heute, was?«, spricht er mich plötzlich an.
»Ähm. Ja. Ist nur eine Vorlesung. Der Prof stellt die Präsentation sowieso ins Internet.« Oder wohl eher seine Hilfskraft. »Du schwänzt doch auch, oder?«
Ich drücke meinen Ordner gegen die Brust und klopfe mit den Fingerkuppen einen Rhythmus darauf. Mein Gehirn ist mit Musizieren beschäftigt und deshalb nicht in der Lage, Fantasien zu produzieren, die mich aus der Fassung bringen könnten.
»Nein. Dienstag ist mein freier Tag.«
»Warum warst du dann überhaupt hier? Und letzte Woche auch? Und wieso im Philosophikum und nicht bei den Rechtswissenschaften?«, stelle ich viele drängende Fragen.
»Mache ich dich irgendwie nervös?«, fragt er nüchtern und streicht sich die Haare aus dem Gesicht.
Ob er weiß, dass er das sehr wohl tut? Ob er weiß, dass diese Haare-aus-dem-Gesicht-Streicherei alles nur noch schlimmer macht?
»Nein«, entgegne ich viel zu schnell. »Warum?«
»Du stellst mir eine Frage nach der anderen– und du trommelst«, er deutet zielsicher auf meine Hand und den Ordner. Meine Finger verstummen sofort.
»Ich… äh… nein, ich schwänze nur nicht so gern. Das stresst mich.«
»Ach ja? Ich dachte, der Prof stellt sowieso alles online?« Janoschs Augenbrauen heben sich.
Er soll ruhig sein! Will er mich vorführen? Der gemeine Hund! Warum weiß er denn so genau, wie er auf mich wirkt? Das sollte er nicht. Vielleicht kann er ja…
»Du kannst doch nicht meinen Herzschlag hören oder so?«, frage ich, ehe ich den Gedanken habe ausreifen lassen.
Janosch muss laut lachen. »Au Mann, Feli, ich habe ein ganz gutes Gehör, aber ich bin keine Romanfigur von dieser Stephenie Meyer.« Ich bin aber auch dämlich. Warum habe ich das bloß gefragt?? Warum habe ich es überhaupt gedacht??
Offenbar schadet nicht nur Fernsehen meinem Gehirn, sondern auch das Lesen von Kitsch-Fantasy-Romanen. Und da behaupten Wissenschaftler doch tatsächlich, dass Lesen bilde. An meinem Verhalten sieht man ja, was Lesen aus einem machen kann: einen Trottel, der vorzugsweise dumme und peinliche Fragen stellt. Lesen kann Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zufügen!
Janosch schmunzelt immer noch, und ich höre ihn deutlich »Herzschlag…« murmeln. Dann stellt er eine Frage, die mich blutrot anlaufen lässt.
»Gibt es denn da etwas zu hören? An deinem Herzen?«
»Nein, also ja, also… es schlägt. Also, so wie es sollte.« Ich beschließe daraufhin, in den Ruhemodus umzuschalten, und halte, bis wir angekommen sind, die Klappe.
So. Und was jetzt? Mit zu ihm und Tee
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