Purpurfalter
Vampirin trug Schuld daran, dass Loreena ihre Haarpracht verloren hatte. Wenn Loreena schon von der Natur mit keiner schönen Haarfarbe gesegnet war, so war sie wenigstens stolz auf die Länge gewesen. Nun hatte sie nichts mehr! Verzweifelt versuchte sie gegen ihre Wut anzukämpfen – und gab schließlich auf.
Sie schaute Amorgene von oben bis unten an, beäugte abfällig das dunkelviolette Korsett und den üppigen Busen. „In Ingrimm kleiden sich nur Huren wie Ihr.“
Amorgene fauchte und riss sich von Wor los. Sie bebte vor Zorn. Ihr blasser Teint färbte sich rosig.
Sofort stellte sich ihr Lomas in den Weg. „Meine Damen, zügeln Sie Ihr Temperament.“
Erst jetzt erkannte Wor den Ernst der Lage. „Wie wäre es, wenn du Graf Schomul zu einem Tanz aufforderst, Loreena?“
„Wie bitte?“ Sie konnte nicht glauben, was sie hörte. Offensichtlich wollte er ablenken und die beiden Streithennen auseinander reißen.
„Als Zeichen der Vereinigung von Küstenmark und Wölfing.“ Nickend forderte er sie auf. „Bitte, tu es für unser Reich.“
Zumindest sah er Ingrimm noch als seine Heimat an. „Das kann ich nicht.“ Sie schüttelte das Haupt und wandte sich Hilfe suchend an Lomas.
Ihr Bruder schaute sie ratlos an. „Vielleicht wäre das in der Tat eine gastfreundschaftliche Geste.“ Kaum merkbar zwinkerte er ihr zu.
Natürlich! Sie sollte sich an den Grafen heranmachen, um der Purpurnen Schriftrolle näher zu sein.
„Ich kann nicht“, wiederholte sie bedrückt. Nicht, wenn er sie so kühl ansah. Nicht, nachdem er sie in seinem Gemach überrascht und Mogall ihm gesagt hatte, dass sie ihn hatte nachts besuchen wollen.
„Wirklich nicht“, flüsterte sie und schlang die Arme um ihren Körper. Die Erinnerung an seine Hände an ihrem Busen, die Schnürsenkel an ihren Brustwarzen und seine fordernden Worte ließen sie erschaudern. Das Spiel des Grafen war bittersüß gewesen, schön und schaurig zugleich wie das Medusen Meer im Frühjahr – die Oberfläche lauwarm, doch in der Tiefe eiskalt. Wie konnte man sich gleichzeitig von einem Mann angezogen und abgestoßen fühlen? Vor ihrem inneren Auge sah Loreena einen wunderschönen Luchs, den sie streicheln wollte - aber nicht durfte, weil er sie anfallen würde.
„Dann werde ich ihn auffordern.“ Amorgene straffte energisch die Schultern, sodass ihre Brüste wie zwei Quallen waberten und strich über ihr Korsett. Herausfordernd grinste sie Loreena an.
Lomas berührte seine Schwester unauffällig mit dem Handrücken an der Hüfte. Flehend schaute er sie an.
Die Vampirin nickte Wor zu. „Eure Tochter scheint uns Vampiren feindlich gesinnt zu sein. Deutlich zeigt sie uns ihre Abneigung. Ich werde mit dem Grafen tanzen. Vielleicht sollte seinesgleichen bei seinesgleichen bleiben.“
„Nein!“, erwiderte Wor gereizt. „Das fördert nicht den Frieden. Loreena, ich verlange von dir, Ingrimm diesen Dienst zu erweisen. Diplomatie ist gefragt. Vergiss persönliche Feindschaften.“
Verwirrt schaute sie ihren Vater an. Dann beäugte sie Amorgene kritisch. Die Vampirin heckte einen Plan aus. Irgendetwas ging vor sich. Hatte sie den Grafen bereits um den Finger gewickelt und umgarnte nun Wor? Was auch immer es war, Loreena würde ihr einen Strich durch die Rechnung machen.
Eindringlich sah sie Lomas an. „Wirst du Vater Gesellschaft leisten, während ich Graf Schomul zum Tanz auffordere?“
Ihr Bruder lächelte sie verschwörerisch an. „Aber gerne doch, Schwesterherz.“
Sie reckte ihr Kinn in die Luft und drehte sich auf dem Absatz um. Loreena würde Amorgenes Einfluss auf Schomul zunichte machen. Mochte sie auch ungeübt im Spiel mit den Männern sein, so war sie doch nicht gänzlich unerfahren. Diesen einen Tanz würde sie hinter sich bringen. König Wor wäre zufrieden, der Geheimbund milde gestimmt und Amorgene verärgert.
Ihr Herz pochte aufgeregt, als Loreena sich ihren Weg durch die Gäste bahnte. Mut und Zuversicht verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Was tat sie nur? Immer wenn sie auf den Grafen traf, knallte es. Sie hatte sich fest vorgenommen ihn zu meiden. Durch diesen Tanz forderte sie das Schicksal heraus. Erneut bereiteten ihr üble Vorahnungen Bauchschmerzen. Schon von Weitem bemerkte sie, dass er sie kommen sah. Würdevoll blickte er über die Köpfe der ingrimm’schen Männer. Die Erhabenheit verwandelte sich in Erstaunen, als sie geradewegs auf ihn zuging. Wider Erwarten verfinsterte sich seine Miene nicht. Loreena
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