Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)
interessante psychologische Beobachtungen an seinen Hunden. Das führte manchmal dazu, daß die Hunde sich immer weniger wie Hunde verhielten und dafür mehr und mehr wie Menschen. Sie lernten, bei rotem Licht an der Ampel stehenzubleiben, Türen zu öffnen, Gott weiß, ob sie zuletzt nicht sogar Eier kochen konnten, aber das bemerkte er überhaupt nicht.
Manchmal, spätabends, nach einem gelungenen Vortrag im Verein für Angewandte Interdisziplinäre Wissenschaft oder nach einem Wettkampf im Akademischen Ruderclub konnte es geschehen, daß er die eine oder andere Geschichte aus seiner Kindheit erzählte, die er in der allerhöchsten Moskauer Gesellschaft verbracht hatte.
In diesen Anekdoten kam eine Welt zum Vorschein, die so unglaublich, so verrückt, so fremd war, daß die Zuhörer sich an den Kopf faßten.
War es wirklich Professor W., der das alles erlebt hatte?
Eine seiner Lieblingsgeschichten handelte von einem Bankett beim Fürsten Igor W., einem Nachkommen der ersten Ritter von Moskau.
Im Speisesaal des Fürsten, wo die Wände vom Boden bis zur Decke mit Spiegeln verkleidet sind, summt es von Hunderten von Gästen, die Kandelaber leuchten, Smirnoff Vodka steht auf Beistelltischen neben riesigen Schüsseln mit dem köstlichen schwarzen Kaviar bereit, der Champagner fließt in Strömen, das Licht bricht sich rubinrot in den Tiaren der Damen, die Glatzen der Herren glänzen, die Uniformen schimmern mit ihren Gardeepauletten.
In diesem Augenblick werden die Doppeltüren des Speisesaals aufgestoßen, und die Diener kommen in einer langen Reihe mit dem nächsten Gang herein, gebratenen Birkhühnern, die sie elegant auf Silbertabletts auf dem ausgestreckten rechten Arm balancieren, in dessen Armbeuge eine blendendweiße Serviette hängt.
Auf jedem der riesigen Silbertabletts liegen an die dreißig gebratene Birkhühner, schwimmend in ihrer Morchelsoße, mild und angenehm duftend.
Da geschieht etwas Unglaubliches.
Einer der Lakaien verliert das Gleichgewicht, die Platte mit den Birkhühnern gleitet ihm fast aus der Hand. Immer noch hält er hartnäckig den linken Arm auf dem Rücken, aber er schwankt mit seinem Tablett hin und her wie ein unsicherer Zirkusjongleur.
Das muntere Geplauder im Speisesaal verstummt immer mehr. Die Gardeoffiziere klemmen das Monokel ins rechte Auge, die Damen heben die Lorgnetten an ihre schmalen weißen Nasen, ihre Nasenflügel vibrieren. Es geht eine seltsame Stille durch den Raum.
Einsam kämpft der Diener mit seinem Silbertablett. Es neigt sich mal zur einen, mal zur anderen Seite. Er gleicht die Schwankungen aus, indem er kurz in verschiedene Richtungen spurtet.
Jetzt ist er zweifellos der Mittelpunkt des Festes. Einen schrecklichen Augenblick lang sieht es so aus, als würde einer dieser Spurts in einer Bauchlandung auf der Bankettafel enden, mit allen Birkhühnern auf den glänzenden Seidenkleidern der Damen, aber im letzten Moment richtet er sich wieder auf, ungefähr wie ein schlingerndes Segelboot.
Das Gesicht ist in Angstschweiß gebadet, er ist zugleich blaß und erhitzt.
Und jetzt fällt die Platte wirklich, jetzt fällt sie!
Nein. Das tut sie nicht, denn im letzten Moment gelingt es ihm, die ganze Platte mit den Birkhühnern und allen Zutaten flach gegen eine der Spiegelwände zu pressen.
Birkhuhn und Spiegelbild werden eins. Da steht der Leibeigene des Fürsten W., die Haare schweißnaß an der Stirn klebend, und ruft mit einem eigentümlichen, wahnsinnigen Triumph in der Stimme:
– Ich habe sie! Ich habe sie!
Der leibeigene Lakai des Fürsten W., das bin ich. Ich bin es, über den ihr lacht. Ich bin es, der da steht, leichenblaß und verschwitzt, ein schweres Silbertablett mit gebratenen Birkhühnern gegen eine Spiegelwand pressend, so daß das Brathuhn und das Bild des Brathuhns für einen Augenblick eins zu sein scheinen.
Ich bin es, über den ihr lacht, aber wenn ihr genug gelacht habt, werdet ihr mich in die Küche hinausschicken zum Küchenmeister, um mich prügeln zu lassen.
Was ist denn jetzt los? Mein Gott, er wird doch nicht noch einmal anfangen, zum vierten Mal, und gleich mit dem Schwierigsten überhaupt, mit dem Paradies? Doch.
Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf.
Und wie das Fegefeuer beschreiben? Das gehört nicht gerade zum Einfachsten. Wenn wir sagen, die Hölle sei der Ort, wo die Lügen am dicksten sind, dick wie Schmeißfliegen, die im Herbst auf einer bläulichen toten Krähe herumkrabbeln, wenn wir sagen, das
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