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Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)

Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)

Titel: Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Lars Gustafsson
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kalte Polarluft in großer Höhe, daß der atmosphärische Mülleimer, der Berlin ist, sich entleert. Das nennt man eine Inversionssituation.
    An sogenannten klaren, kalten Tagen sieht man deshalb nicht einmal die Busse an der Haltestelle ankommen, man erwacht mit verstopfter Nase und mit unbestimmten Schmerzen im Rücken und in allen Gliedern. Es ist ein verdammtes Pech, ausgerechnet in der kurzen historischen Epoche geboren zu sein, in der fossile Brennstoffe vorrätig sind. Ich weiß kaum etwas über meine Enkel und deren Kinder, aber mit Sicherheit weiß ich, daß sie bessere Luftröhren haben werden als ich.
    Da saß er in seiner Lederjacke, mit seinem übertrieben großen braunen Bart und seinen kurzsichtigen Augen hinter der Goldrandbrille, und sah mich erstaunt, fast erschrocken an.
    – Sie sind also Meteorologe?
    Das war das einzige, was er in diesem Moment herausbringen konnte, und es klang richtig eingeschüchtert.
    Ich erklärte ihm, daß ich durchaus kein Meteorologe sei, sondern ein Lyriker, ein schwedischer Lyriker, aber das sei ungefähr dasselbe, da die schwedische Poesie zu neunzig Prozent von verschiedenen Wetterlagen handele.
    Er erklärte sofort, er sei Miroslav Bogdanov, ein bulgarischer Lyriker im Exil in Westberlin.
    Ich kann manchmal rüde sein, besonders wenn ich abwesend bin, und so fragte ich ihn, warum ein Schriftsteller aus der Volksrepublik Bulgarien schmollend hier in Westberlin herumsäße, statt sich an der literarischen Aufbauarbeit seines Heimatlandes zu beteiligen.
    Das brachte ihn ganz schön in Rage.
    Er holte tief Luft, bestellte einen doppelten Kirsch, blitzte mich mit seinen schönen braunen Augen an und zeigte seine sehr unregelmäßigen Zähne in einem sogenannten verkniffenen Lächeln:
    – Das Ganze hat angefangen, als ich Redakteur bei der Neuen Poesie war.
    Ich schrieb eine positive Rezension über Mylov. Das war noch zu der Zeit, als kein Mensch ein gutes Wort über Mylov schrieb. Daß Mylov seine Gedichtsammlungen überhaupt herausbringen konnte, lag daran, daß seine Mutter in zweiter Ehe einen Direktor aus dem Vorstand der Neuen Literatur geheiratet hatte. Sonst hätte er kein Wort gedruckt bekommen. Und das wäre ehrlich gesagt das einzig Richtige gewesen.
    Damals gab kein Mensch etwas auf Mylov. Mylov war ganz einfach eine Niete. Die Varkova schrieb im Pionier Rezensionen über seine Gedichte, in denen sie ihn wie einen ekligen Frosch behandelte, etwa so (er machte mit dem Fuß eine unbeschreibliche Bewegung, es sah ungefähr so aus, als trete er zuerst mit dem Absatz auf und drehe ihn dann halb herum, mit einem Ausdruck unsäglichen Widerwillens).
    Und Garoviak, Garoviak vom Tageblatt – ja, der machte nur so, wenn eine neue Gedichtsammlung von Mylov herauskam. Er hielt sich ausdrucksvoll mit dem Finger das eine Nasenloch zu und brachte es fertig, aus dem anderen einen prachtvollen Schleimbatzen zu rotzen. Er verfehlte die Dame hinter der Theke um einen halben Zentimeter, und es läßt sich nicht leugnen, daß man an den Tischen ringsum auf uns aufmerksam zu werden begann.
    Damals habe ich mich für Mylov eingesetzt. Als einziger (er schlug sich mit einer großartigen Geste an die Brust, alle Gespräche um uns her verstummten, das halbe Bundeseck betrachtete uns mit wachsendem Interesse) habe ich mich für einen verfolgten, verachteten – und wie ich es jetzt sehe, wirklich mit gutem Grund verachteten Dichter eingesetzt.
    Dann kamen die neuen Direktiven. Da wurde Mylov groß, verdammt groß. Das war nach dem Fall der Simplizisten.
    Und was glauben Sie, was er jetzt macht?
    Ich versicherte ihm, daß ich keine Ahnung hätte, was Mylov wohl getan haben mochte, nachdem er groß geworden war.
    Er verbündet sich mit den Großen!
    Er tut sich unverzüglich mit der Varkova zusammen, dieser verdammten lesbischen Hexe! Er überredet Garoviak, im Tageblatt zu schreiben, Die Neue Poesie sei keine sozialistische Zeitschrift mehr! Und Garoviak, dieser verfluchte Grobian, geht natürlich hin und schreibt das tatsächlich im Tageblatt!
    Es hat natürlich nicht lange gedauert, bis wir eine Kampagne am Hals hatten, alle mußten Farbe bekennen und erklären, wie sehr sie sich von den Zionisten in der Neuen Poesie distanzierten. All die alten Simplizisten fielen wie ein Mann über uns her. Die Neoklassizisten waren sofort dabei. Mit denen hatten wir ja schon dreiundsechzig abgerechnet. Die Linguisten, oh, diese verfluchten Linguisten, die sahen natürlich ihre Chance und haben

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