Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)
Schlüsselloch dienen. Keine Sekunde lang werde ich euch einzureden versuchen, es gäbe irgend etwas, das euch fremd wäre, mir aber nicht. Die Lektüre meines Buches wird euch zu keiner Clique Zugang verschaffen. Nicht ein Zentimeter Stierblut wird in eure Haare geschüttet werden, hört ihr, nicht ein Zentimeter! Ihr kommt keinen Meter weiter in die Büsche hinein. Hier werden keine Freikarten verteilt! Hier wird nichts passieren, bevor nicht die Gleichberechtigung eingeführt ist, wie Pastor Ahlunder in Bromma zu sagen pflegt.
Was ich unter anderem sagen will ist, daß es für jeden Geheimbund, und also auch für die Gesellschaft, die ein ganzes System von Geheimbünden ist, wie Kreise ineinandergelagert, etwas Schmeichelhaftes hat, hin und wieder entlarvt zu werden. Das stärkt ihre Identität.
Immerzu die Wahrheit enthüllen, das ist ja genauso, als wenn man immerzu gegen die Regierung anschreibt. Das führt ja dazu, daß man sich von der Regierung regieren läßt!
Hier wollen wir als Gleichberechtigte miteinander reden. Mit anderen Worten: Es gibt kein Laster, keine Niederträchtigkeit, keine Schäbigkeit, keine Gemeinheit, die ich euch nicht zutraue. Ich denke nicht daran, euch mit diesem ewigen, beflissenen, liederlichen Schriftstellergeschmeichel zu kommen und zu sagen: Es gibt da, meine Lieben, einen Punkt, in dem wir uns verstehen.
ES GIBT KEINEN EINZIGEN PUNKT, IN DEM WIR UNS NICHT VERSTEHEN
Zygmunt rumort im Katafalk. Ich werde mich ihm bald widmen müssen. In den letzten Tagen hat er immer vernehmlicher da drin herumgezappelt. »Flash Gordon nimmt Diana an die Hand. Ming, dieser Schurke, sieht ganz apoplektisch aus auf seinem Stuhl. Nur fort von hier, Diana! Die Chemikalien in diesem Behälter dort werden gleich in Flammen stehen.« Wird sie nicht frieren da draußen, so dünn wie sie angezogen ist?
WENN MAN DIE HAND HIERHIN LEGT, HÖRT MAN DEUTLICHE KLOPFZEICHEN
Neulich abend saß ich mit meiner klugen Frau vor dem Fernseher und schaute mir ein Programm über die Weimarer Republik an. Wir diskutierten darüber, ob Schweden nicht im Grunde erstaunliche Ähnlichkeiten mit der Weimarer Republik habe. Werden auch wir eines Tages davon überrascht werden, daß ein Adolf Johansson aus Mörshult bei einer Versammlung in Kalmar zwanzigtausend Anhänger um sich schart, werden wir sehen, wie Adolf Johansson in einem schlechtsitzenden Frack den Auftrag des Königs entgegennimmt, 1979 die Regierung zu bilden?
Diskutieren kann man ja allemal. Und das taten wir denn auch, eine, zwei, drei Stunden lang, und als es Zeit zum Schlafengehen war, hörte ich mich sagen:
– Man muß Möglichkeiten der Produktion finden, ohne den Umweg über die Leute zu machen, die die Produktionsmittel kontrollieren. Erst dann wird der Mensch frei sein.
Erst nachdem ich das gesagt hatte, wurde mir klar, daß ich Marx erfunden hatte, ohne ihn auch nur einen Augenblick wiederzuerkennen.
Und zwar mit gutem Recht:
Wenn ich eine Frage stelle, ist es meine Frage, auch wenn sie genau wie deine Frage klingt.
Wer das nicht versteht, der wird auch nie verstehen, was es heißt zu leben.
Ein Frühstück mit Frau und Kindern
HÄTTE ICH DOCH NUR NICHT DIESE UNGLÜCKSELIGE SIGISMUND-METAPHER EINGEFÜHRT; sie verfolgt mich
Ein Montag in der Karwoche, milder, dunstiger Regen, sieben Uhr morgens, Hektik bei Tee und Morgenzeitung, die Kinder singen das ganze Frühstück über sehr melodisch, zweistimmig: »Deutschland, Deutschland über alles«, und das macht es meiner Frau und mir etwas schwer, über das zu reden, was wir in der Zeitung lesen. Willy Brandt ist zu einem Staatsbesuch in Jugoslawien, und auf einem Waldweg ganz in unserer Nähe, im Grunewald, gleich nördlich vom sogenannten Teufelsberg, der aus Milliarden und Abermilliarden von Ziegelsteinen besteht, die zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt, nämlich in den Jahren 1945 bis 48 dort abgeladen wurden, ein zweihundert Meter hoher Berg aus lauter Ziegelsteinen, ganz kahl, mit widerlichen Eisenstäben, die hier und da aus dem dürren Gras des Vorjahrs aufragen, ein richtiger Fegefeuerberg, oder wenn man so will, ein Höllenberg, nackt, häßlich, umgeben von einem Wald mit unsäglich struppigem Unterholz, so dicht, daß man kaum eine Hand zwischen die Tannen stecken kann, ein Wald voll von weggeworfenen Autoreifen, Damenschlüpfern von niemals aufgeklärten Vergewaltigungen, ein einsamer rechter Handschuh, der auf einem Zweig ruht, als wolle er ihn an
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