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Saemtliche Dramen

Saemtliche Dramen

Titel: Saemtliche Dramen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Albert Camus
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Ohren getrogen hatten. So sind wir denn gemeinsam mit dir beruhigt.
    DER GOUVERNEUR
    Das freut den Gouverneur. Nichts ist gut, das neu ist.
    DIE BÜRGERMEISTER
    Wohl gesprochen! Nichts ist gut, was neu ist. Wir Bürgermeister, dank Weisheit und Lebensalter in unser Amt berufen, hoffen in Sonderheit, dass unsere braven Armen nicht etwa ironisch gesprochen haben. Ironie ist eine zerstörerische Tugend. Unser Gouverneur zieht erbauliche Laster vor.
    DER GOUVERNEUR
    Bis auf weiteren Befehl darf nichts sich regen! Ich bin der König der Unbeweglichkeit!
    DIE SÄUFER AUS DER TAVERNE (umringen NADA )
    Ja, ja, ja! Nein, nein, nein! Dass nichts sich rege, gütiger Gouverneur! Alles dreht sich um uns, nicht auszuhalten ist das! Wir wollen Unbeweglichkeit! Alle Bewegungen sollen anhalten! Alles soll weg, außer Wein und Torheit.
    DER CHOR
    Nichts hat sich geändert! Nichts passiert, und nichts ist passiert! Die Jahreszeiten folgen aufeinander, und am milden Himmel kreisen die Gestirne brav; ihre stille Geometrie verdammt die durchgedrehten, wahnsinnigen Sterne, die mit ihrem lodernden Flammenschweif die Himmelsweiden in Brand stecken, deren Alarmgeheul die süße Sphärenmusik stört, die mit ihrem Fahrtwind die ewigwährenden Kreise durcheinanderpusten und an allen Kreuzungen des Himmels unheilvolle Sternenkollisionen bewirken. In Wirklichkeit ist alles in Ordnung, die Welt findet ihr Gleichgewicht! Es ist der Zenit des Jahres, die hohe, reglose Jahreszeit! Glück, Glück! Der Sommer ist da! Was schert uns der Rest, das Glück ist unser Stolz.
    DIE BÜRGERMEISTER
    Die Gewohnheiten des Himmels verdankt ihr dem Gouverneur, denn er ist der König der Gewohnheit. Auch er mag keine widerspenstigen Haare. Sein ganzes Königreich ist ordentlich gekämmt!
    DER CHOR
    Brav! Wir werden brav bleiben, weil nichts sich je ändern wird. Was täten wir auch mit wehenden Haaren, flammendem Blick und gellendem Mund? Wir werden stolz sein auf das Glück der anderen!
    DIE SÄUFER (um NADA )
    Beseitigt die Bewegung, beseitigt, beseitigt! Bewegt euch nicht, wir sollten uns alle nicht mehr bewegen! Lassen wir die Stunden verfließen, dies wird eine Herrschaft ohne Geschichte! Die reglose Jahreszeit ist ganz nach unserem Geschmack, denn sie ist die heißeste und macht am meisten Durst!
    (Doch das musikalische Alarmmotiv, das seit geraumer Zeit gedämpft summte, wird mit einem Mal schrill, und zwei dumpfe Schläge ertönen. Auf der Bühne tritt ein Schauspieler nach vorn, vollführt dabei weiter seine Pantomime, taumelt und stürzt ins Publikum, das ihn sofort umringt. Kein Wort mehr, keine Bewegung, Totenstille.
    Ein paar Sekunden Innehalten, dann stürzt alles los.
    DIEGO bahnt sich einen Weg durch die Menge, die sich langsam teilt, und entdeckt den Mann.
    Zwei Ärzte kommen und untersuchen den Körper, treten beiseite und diskutieren erregt. Ein junger Mann verlangt eine Erklärung von einem der Ärzte, der abwehrend winkt. Der junge Mann lässt sich nicht abwimmeln, insistiert, von der Menge ermutigt, schüttelt ihn, drängt sich beschwörend an ihn und presst auf einmal seinen Mund auf den des Arztes. Ein saugendes Geräusch, er scheint ein Wort aus dem Mund des Arztes zu ziehen. Er tritt beiseite und sagt mit viel Mühe, als wäre das Wort zu groß für seinen Mund und als könnte er es nur unter großer Anstrengung hervorbringen:)
    Die Pest.
    (Alles bewegt sich mit gebeugten Knien und wiederholt das Wort immer lauter und immer schneller, zugleich fliehen alle und beschreiben dabei weite Bogen um den GOUVERNEUR , der wieder auf sein Podest gestiegen ist. Die Bewegung beschleunigt und überstürzt sich, dreht schier durch, bis die Stimme des alten PFARRER s zu hören ist und die Leute gruppenweise stehen bleiben.)
    DER PFARRER
    In die Kirche, in die Kirche! Die Strafe naht. Das alte Übel kommt über die Stadt. Die tödliche Geißel ist da, mit der der Himmel seit jeher die lasterhaften Städte für ihre Todsünden straft. Eure Schreie sollen in euren lügnerischen Mündern ersticken, und ein glühendes Siegel wird euch aufs Herz gedrückt. Betet zu Gott dem Gerechten, dass er vergebe und vergesse! Geht in die Kirche! Geht in die Kirche!
    (Einige stürzen zur Kirche. Die anderen irren nach rechts und links, während das Totenglöckchen läutet. Im Hintergrund spricht der ASTROLOGE ganz ungezwungen, als würde er dem GOUVERNEUR Bericht erstatten.)
    DER ASTROLOGE
    Am Sternenhimmel hat sich eine unheilvolle Konjunktion feindlich gesinnter Planeten

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