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Sämtliche Werke

Titel: Sämtliche Werke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinrich Heine
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Williams.
    Auch auf der Galerie bildete sich eine Jury. Eine dicke Dame, aus deren rotaufgedunsenem Gesicht die kleinen Äuglein wie Glühwürmchen hervorglimmten, machte die Bemerkung, daß der schwarze William ein sehr hübscher Bursche sei. Indessen ihre Nachbarin, eine zarte, piepsende Seele in einem Körper von schlechtem Postpapier, behauptete, er trüge das schwarze Haar zu lang und zottig und blitze mit den Augen wie Herr Kean im »Othello« – »Dagegen«, fuhr sie fort, »ist doch der Thomson ein ganz anderer Mensch, mit hellem Haar und glatt gekämmt nach der Mode, und er ist ein sehr geschickter Mensch, er bläst ein bißchen die Flöte, er malt ein bißchen, er spricht ein bißchen Französisch« – »Und stiehlt ein bißchen«, fügte die dicke Dame hinzu. »Ei was, stehlen«, versetzte die dünne Nachbarin, »das ist doch nicht so barbarisch wie Fälschung; denn ein Dieb, es sei denn, er habe ein Schaf gestohlen, wird nach Botany Bay transportiert, während der Bösewicht, der eine Handschrift verfälscht hat, ohne Gnad’ und Barmherzigkeit gehenkt wird.« – »Ohne Gnad’ und Barmherzigkeit!« seufzte neben mir ein magerer Mann in einem verwirrten schwarzen Rock. »Hängen! kein Mensch hat das Recht, einen andern umbringen zu lassen, am allerwenigsten sollten Christen ein Todesurteil fällen, da sie doch daran denken sollten, daß der Stifter ihrer Religion, unser Herr und Heiland, unschuldig verurteilt und hingerichtet worden!« – »Ei was«, rief wieder die dünne Dame und lächelte mit ihren dünnen Lippen, »wenn so ein Fälscher nicht gehenkt würde, wäre ja kein reicher Mann seines Vermögens sicher, z.B. der dicke Jude in Lombard Street, Saint Swithins Lane, oder unser Freund Herr Scott, dessen Handschrift so täuschend nachgemacht worden. Und Herr Scott hat doch sein Vermögen so sauer erworben, und man sagt sogar, er sei dadurch reich geworden, daß er für Geld die Krankheiten anderer auf sich nahm, ja die Kinder laufen ihm jetzt noch auf der Straße nach und rufen: ›Ich gebe dir ein Sixpence, wenn du mir mein Zahnweh abnimmst, wir geben dir einen Schilling, wenn du Gottfriedchens Buckel nehmen willst‹« – »Kurios!« fiel ihr die dicke Dame in die Rede, »es ist doch kurios, daß der schwarze William und der Thomson früherhin die besten Spießgesellen gewesen sind und zusammen gewohnt und gegessen und getrunken haben und jetzt Edward Thomson seinen alten Freund der Fälschung anklagt! Warum ist aber die Schwester von Thomson nicht hier, da sie doch sonst ihrem süßen William überall nachgelaufen?« Ein junges schönes Frauenzimmer, über dessen holdem Gesichte eine dunkle Betrübnis verbreitet lag, wie ein schwarzer Flor über einem blühenden Rosenstrauch, flüsterte jetzt eine ganz lange, verweinte Geschichte, wovon ich nur soviel verstand, daß ihre Freundin, die schöne Mary, von ihrem Bruder gar bitterlich geschlagen worden und todkrank zu Bette liege. »Nennt sie doch nicht die schöne Mary!« brummte verdrießlich die dicke Dame, »viel zu mager, sie ist viel zu mager, als daß man sie schön nennen könnte, und wenn gar ihr William gehenkt wird –«
    In diesem Augenblick erschienen die Männer der Jury und erklärten, daß der Angeklagte der Fälschung schuldig sei. Als man hierauf den schwarzen William aus dem Saale fortführte, warf er einen langen, langen Blick auf Edward Thomson.
    Nach einer Sage des Morgenlandes war Satan einst ein Engel und lebte im Himmel mit den andern Engeln, bis er diese zum Abfall verleiten wollte und deshalb von der Gottheit hinuntergestoßen wurde in die ewige Nacht der Hölle. Während er aber vom Himmel hinabsank, schaute er immer noch in die Höhe, immer nach dem Engel, der ihn angeklagt hatte, je tiefer er sank, desto entsetzlicher und immer entsetzlicher wurde sein Blick – Und es muß ein schlimmer Blick gewesen sein; denn jener Engel, den er traf, wurde bleich, niemals trat wieder Röte in seine Wangen, und er heißt seitdem der Engel des Todes.
    Bleich wie der Engel des Todes wurde Edward Thomson.
VI
Das neue Ministerium
    In Bedlam habe ich vorigen Sommer einen Philosophen kennengelernt, der mir, mit heimlichen Augen und flüsternder Stimme, viele wichtige Aufschlüsse über den Ursprung des Übels gegeben hat. Wie mancher andere seiner Kollegen meinte auch er, daß man hierbei etwas Historisches annehmen müsse. Was mich betrifft, ich neigte mich ebenfalls zu einer solchen Annahme und erklärte das Grundübel der Welt aus dem

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