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Sämtliche Werke

Titel: Sämtliche Werke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinrich Heine
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für die Vorrechte der Krone, wohingegen die Partei der Whigs mehr nach der Seite des Volks hinneige und dessen Rechte beschütze. Indessen, diese Annahmen sind vage und gelten zumeist nur in Büchern. Jene Benennungen könnte man vielmehr als Koterienamen ansehen. Sie bezeichnen Menschen, die bei gewissen Streitfragen zusammenhalten, deren Vorfahren und Freunde schon bei solchen Anlässen zusammenhielten und die, in politischen Stürmen, Freude und Ungemach und die Feindschaft der Gegenpartei gemeinschaftlich zu tragen pflegten. Von Prinzipien ist gar nicht die Rede, man ist nicht einig über gewisse Ideen, sondern über gewisse Maßregeln in der Staatsverwaltung, über Abschaffung oder Beibehaltung gewisser Mißbräuche, über gewisse Bills, gewisse erbliche questions – gleichviel aus welchem Gesichtspunkte, meistens aus Gewohnheit. – Die Engländer lassen sich nicht durch die Parteinamen irremachen. Wenn sie von Whigs sprechen, so haben sie nicht dabei einen bestimmten Begriff, wie wir z.B., wenn wir von Liberalen sprechen, wo wir uns gleich Menschen vorstellen, die über gewisse Freiheitsrechte herzinnig einverstanden sind – sondern sie denken sich eine äußerliche Verbindung von Leuten, deren jeder, nach seiner Denkweise beurteilt, gleichsam eine Partei für sich bilden würde und die nur, wie schon oben erwähnt ist, durch äußere Anlässe, durch zufällige Interessen, durch Freundschafts- und Feindschaftsverhältnisse gegen die Tories ankämpfen. Hierbei dürfen wir uns ebenfalls keinen Kampf gegen Aristokraten in unserem Sinne denken, da diese Tories in ihren Gefühlen nicht aristokratischer sind als die Whigs und oft sogar nicht aristokratischer als der Bürgerstand selbst, der die Aristokratie für ebenso unwandelbar hält wie Sonne, Mond und Sterne, der die Vorrechte des Adels und des Klerus nicht bloß als staatsnützlich, sondern als eine Naturnotwendigkeit ansieht und vielleicht selbst für diese Vorrechte mit weit mehr Eifer kämpfen würde als die Aristokraten selbst eben weil er fester daran glaubt als diese, die zumeist den Glauben an sich selbst verloren. In dieser Hinsicht liegt über dem Geist der Engländer noch immer die Nacht des Mittelalters, die heilige Idee von der bürgerlichen Gleichheit aller Menschen hat sie noch nicht erleuchtet, und manchen bürgerlichen Staatsmann in England, der torysch gesinnt ist, dürfen wir deshalb beileibe nicht servil nennen und zu jenen wohlbekannten servilen Hunden zählen, die frei sein könnten und dennoch in ihr altes Hundeloch zurückgekrochen sind und jetzt die Sonne der Freiheit anbellen.
    Um die englische Opposition zu begreifen, sind daher die Namen Whigs und Tories völlig nutzlos, mit Recht hat Francis Burdett beim Anfange der Sitzungen voriges Jahr bestimmt ausgesprochen, daß diese Namen jetzt alle Bedeutung verloren; und Thomas Lethbridge, den der Schöpfer der Welt und des Verstandes nicht mit allzuviel Witz ausgerüstet, hat damals dennoch einen sehr guten Witz, vielleicht den einzigen seines Lebens, über diese Äußerung Burdetts gerissen, nämlich: »He has untoried the tories and unwigged the whigs.«
    Bedeutungsvoller sind die Namen reformers oder radical reformers oder kurzweg radicals. Sie werden gewöhnlich für gleichbedeutend gehalten, sie zielen auf dasselbe Gebrechen des Staates, auf dieselbe heilsame Abhülfe und unterscheiden sich nur durch mehr oder minder starke Färbung. Jenes Gebrechen ist die bekannte schlechte Art der Volksrepräsentation, wo sogenannte rotten boroughs, verschollene, unbewohnte Ortschaften oder besser gesagt die Oligarchen, denen sie gehören, das Recht haben, Volksrepräsentanten ins Parlament zu schicken, während große, bevölkerte Städte, namentlich viele neuere Fabrikstädte, keinen einzigen Repräsentanten zu wählen haben; die heilsame Abhülfe dieses Gebrechens ist die sogenannte Parlamentsreform. Nun freilich, diese betrachtet man nicht als Zweck, sondern als Mittel. Man hofft, daß das Volk dadurch auch eine bessere Vertretung seiner Interessen, Abschaffung aristokratischer Mißbräuche und Hülfe in seiner Not gewinnen würde. Es läßt sich denken, daß die Parlamentsreform, diese gerechte, billige Anforderung, auch unter den gemäßigten Menschen, die nichts weniger als Jakobiner sind, ihre Verfechter findet, und wenn man solche Leute reformers nennt, betont man dieses Wort ganz anders, und himmelweit ist es alsdann unterschieden von dem Worte radical, auf dem ein ganz anderer Ton

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