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Saemtliche Werke von Jean Paul

Saemtliche Werke von Jean Paul

Titel: Saemtliche Werke von Jean Paul Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jean Paul
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komme! – ach ich dürste nach dir. – Töne nicht mehr, du Seliger, nimm dein abgelegtes Menschenangesicht und erscheine mir und töte mich durch einen Schauder und behalte mich in deinen Armen!«…
    Siehe! als der dunkle Tränentropfen noch auf dem Auge lag und der Mond noch hinter den Alpen verzog: da stieg den Berg herauf eine weiße Gestalt mit zugeschlossenen Augen – lächelnd – verklärt – selig – gegen den Sirius gewandt – –
    »Emanuel, erscheinst du mir?« rief bebend Horion und riß seine Tränen herab. Die Gestalt schlug ihre Augen auf. Sie breitete ihre Arme aus. Viktor sah nicht und hörte nicht, er glühte und zitterte. Die Gestalt flog ihm entgegen, und er gab sich hin: »Nimm mich!« Sie berührten einander – sie umschlangen einander – der Nachtwind riß durch sie – das fremde Getön klang näher – ein Stern zerschoß – der Mond flog über die Alpen herauf….
    Und als er mit seinem Edenlicht die Wangen der unbekannten Erscheinung begoß: erkannte Viktor, daß es sein teurer Lehrer – Dahore war, der heute in den Spiegel der Insel seine Gestalt geworfen. Und Dahore sagte: »Geliebter Sohn, kennst du deinen Lehrer noch? Ich bin Emanuel und Dahore.« Da wurde die Umarmung enger – Horion wollte den Dank für eine ganze Kindheit in einen Kuß zusammenpressen und lag aufgelöst in den Armen des Lehrers und in den Armen der liebenden Wonne.
    Umschlinget euch fest, ihr Glücklichen, drücket eure gefüllten Herzen bis zum Tränen-Erpressen aneinander, vergesset Himmel und Erde und verlängert die erhabne Umarmung! – Ach sobald sie zerfallen ist, so hat dieses schlaffe Leben nichts Stärkeres mehr, womit es euch verknüpfen kann, als den Anfang des – zweiten….
    Emanuel trat endlich aus der Stellung der Liebe heraus und schauete abgebogen, wie eine Sonne, groß und offen in Horions Angesicht und begegnete mit Entzückung dem veredelten Geiste und Angesicht seines blühenden Lieblings. Dieser sank vor dem Blick der Liebe mit aufgehobenem Angesicht unwillkürlich auf die Knie und sagte: »O mein Lehrer, mein Vater – o du Engel, liebst du mich denn noch so sehr?« – Aber er weinte zu sehr, und seine Worte waren unverständlich und erstarben im Herzen…..
    Ohne zu antworten, legte Emanuel die Hand auf das Haupt des knienden Schülers und wendete sein verklärtes Auge gegen den schimmernden Himmel und sagte mit feierlicher Stimme: »Dieses Haupt, du Ewiger, weiht sich heute dir in dieser großen Nacht. – Nur deine zweite Welt fülle dieses Haupt und dieses Herz aus – und die kleine dunkle Erde befriedig’ es nie! – O mein Horion! hier auf diesem Berge, auf dem ich über ein Jahr aus der Erde ziehe, beschwör’ ich dich bei der großen zweiten Welt über uns, bei allen großen Gedanken, womit dir jetzt der Ewige in dir erscheint, beschwör’ ich dich, daß du gut bleibst, auch wenn ich lange gestorben bin.«
    Emanuel kniete zu ihm nieder, hielt den Erschöpften und neigte sich an sein erblassendes Angesicht und sagte leiser und betend: »Mein Geliebter! – mein Geliebter! wenn wir beide tot sind, in der zweiten Welt scheid’ uns Gott nie, nie mich und dich!« – Er weinte nicht, aber konnte doch nicht mehr sprechen; ihre zwei Herzen ruhten verknüpft aneinander, und die Nacht umhüllte schweigend ihre stumme Liebe und ihre großen Gedanken…..

14. Hundpostta g
     
    Das philosophische Arkadien – Klotildens Brief – Viktors confessions
    Ich habe nur vorher zwei Dinge zu erklären, das unbekannte Getön und das Verschließen der Augen. Jenes floß von einer auf die Trauerbirke gelegten Äolsharfe aus; sooft Emanuel zu nachts hieherkam, mischte er in die flüsternden Blätter diese abgehauchten Töne wie Blüten ein, um sich zu erheben, wenn er allein die erhabne Nacht ansah. Die Augen tat er oft vor der Sonne und dem Monde zu, wenn sein innerer, wie ein Cherub geflügelter Mensch gerade die Erlaubnis hatte, sich in weiche Phantasien einzusenken: in die fließenden bunten Licht-Wogen, die durch die Augenlider drangen, tauchte er sich dann wie in einen Zephyr mit süßem Verschwimmen unter, und in diesem Lichtbad sog der höhere Lichtmagnet in ihm Himmellicht aus Erdenlicht. Da es nur wenige Seelen gibt, die wissen, wie weit die Harmonie der äußern Natur mit unserer reicht, und wie sehr das ganze All nur eine Äolsharfe ist, mit längern und kürzern Saiten, mit langsamern und schnellern Bebungen vor einem göttlichen Hauche ruhend: so fodre ich nicht, daß

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