Saemtliche Werke von Jean Paul
ein offner Himmel; er sagte seinem Viktor alles wie einem zweiten Vater. Hier erzählte er ihm treuherzig, daß im vorigen Jahr immer ein Engel zu ihm gekommen, der seine Hand ergriffen, ihm Blumen gegeben, ihn freundlich angeredet und endlich von ihm in den Himmel gewichen, ihm aber einen Brief dagelassen habe, den er nach einem Jahre zu Pfingsten sich von Klotilden dürfe lesen lassen; ja dieser gute Engel sei gestern mit einem Kusse vor ihm vorbeigeflogen. Viktor lächelte froh, aber verschwieg seine Vermutung, daß er den Engel für ein scheues liebendes Mädchen aus dem Fräuleinstift ansehe. – »Gestern aber«, sagte Viktor, »war bloß ich der Engel gewesen, der dich so küßte!«- und wiederholte es. – Julius wußte geliebten Personen nichts Schöneres zu geben als das Bild seines Vaters – die Schilderung von der erhabenen Liebe desselben, die keinen Menschen vergaß, weil sie nicht auf die Vorzüge, sondern auf die Bedürfnisse der Menschen gebauet war – ferner von seiner Nachsicht, seiner Uneigennützigkeit, da ihm eine lange Tugend den Kampf gegen sein Herz ersparte, und er nun nichts tat, als was er wünschte, und da ihm die tief herabhängende zweite Welt eine eigne Unabhängigkeit von Bedürfnissen predigte. 500 000 Fixsterne erster Größe leuchten nach Lambert kaum dem nähern Vollmond gleich; und so überglänzt die Gegenwart immer unser Inneres; aber steige näher auf zum Fixstern der zweiten Welt, so wird er eine Sonne, die den Mond der Zeit und der Gegenwart in einen schmalen Nebel verwandelt. – Diesen Emanuel hatten alle Maienthaler lieb (sogar der Pfarrer, obwohl jener ein Nichtkatholik, Nichtlutheraner und Nichtkalvinist war); und er war gern von etwas abhängig, von fremder Liebe . Unter dieser Schilderung sehnte sich Viktor wieder so bewegt nach ihm, als wären sie ein Jahr auseinander gewesen; daher legt’ er sich im Abendrote unter Birkenblätter, dem Stifte gegenüber, um ihn sogleich mit heißen Armen in Verhaft zu nehmen.
Und als Viktor seine Seele hob an hohen weißen Säulen des vom Lord entworfenen Parks, an dem erhabenen Bildwerk, das einen großen Gedanken schrieb, der wie ein Gewitter aussah; und als er gerade eine herabgefallne Biene, deren Flugwerk ihr Honig verpichte, auf das Bienenbrett getragen hatte: so wandelte freundlich Dahore daher. Dieser verfiel selber – denn Viktor hätte das versteckte Herantreiben einer Materie für Sünde genommen – auf Klotilde und sagte, das sei ihre Lieblingstelle und die Ruhebank ihrer stillen Seele gewesen. Der Ort war nicht erhaben, aber, was noch mehr ist, dem Erhabnen gegenüber – (sogar die physische Großheit, z. B. ein Berg, hat die Ferne als ein Fußgestell nötig) – er lag am tiefsten im Tal, von Emanuels Blumenketten umfasset – die er oft unverzäunt anlegte, weil alle Maienthaler seine kleinen Freuden schonten –, von großen Kleefeldern angeweht, vom Monde, der im Frühling erst vom Berg herab diese Tiefe anstrahlte, mit einem schwermütigen Gemisch von Birkenschatten, Wasserglanz und lichten Stellen überdeckt und endlich mit einer Grasbank geziert, deren ich nicht erwähnte, wäre sie nicht an beiden Enden mit großen niederwankenden Blumen besteckt, die zärtlich keiner erdrückte, der sich zwischen ihnen niederließ. Wie wurde Viktor betroffen – oder entzückt, als Emanuel nach dieser Klotilde fragte! Wie Tau-Juwelen, wie Freudentränen fielen alle Worte des Lehrers in sein lechzendes Herz, weil es Lobsprüche auf ihre weiche Seele waren, die ihre Tränen nur in fremde leitet und vor trocknen Herzen verdeckt, auf ihre feine Ehrliebe, die der männliche Tadel zu Kälte und der weibliche zu Stolz verdreht, und auf eine liebende Wärme, die man in ihrem wie eine Knospe festgeschlossenen Herzen nicht gesucht hätte, das jetzt die leblose Natur mit der belebten vermengt, um an jener diese lieben zu lernen. Es rührte Viktor bis zu Tränen, da Emanuel ihm seine aus diesem Eden entrückte Schülerin so warm anlobte; – und als er ihn noch dazu unbefangen bat, der Freund seiner Freundin zu werden und jetzo, weil er sterbe und weil sie nicht mehr komme – denn sie war das letztemal bloß dagewesen, um zu Pfingsten, unbelächelt von ihren Eltern, öffentlich mit den Stiftfräulein das Abendmahl zu empfangen –, jetzo seine Stelle zu besetzen bei diesem gegen die Sterne gehobnen Auge, bei diesem für die Ewigkeit bewegten Herzen: so hätt’ er vor Rührung und vor Liebe dem Freund und der Freundin zu Füßen
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