Saemtliche Werke von Jean Paul
Maienthal; Herr Sebastian erinnerte mich noch öfter daran, weil er einen Lehrer gehabt zu haben scheint, der dem meinigen ähnlich war . Er sprach heute sehr gut und schien aus zwei Hälften zusammengesetzt zu sein, aus einer britischen und einer französischen. Einige seiner schönen Anmerkungen sind mir nicht entfallen – z. B. ›Die Leiden sind wie die Gewitterwolken; in der Ferne sehen sie schwarz aus, über uns kaum grau. – Wie traurige Träume eine angenehme Zukunft bedeuten: so werd’ es mit dem so oft quälenden Traume des Lebens sein, wenn er aus sei. – Alle unsere starken Gefühle regieren wie die Gespenster nur bis auf eine gewisse Stunde, und wenn ein Mensch immer zu sich sagte: diese Leidenschaft, dieser Schmerz, diese Entzückung ist in drei Tagen gewiß aus deiner Seele heraus: so würd’ er immer ruhiger und stiller werden.‹ Ich berichte Ihnen alles dieses so ausführlich, um mich gleichsam selber zu bestrafen für ein voreiliges Urteil, das ich vor einigen Tagen (wiewohl in mir) über seinen Hang zur Satire fällte. Die Satire scheint auch bloß für das stärkere Geschlecht zu sein; ich habe in dem meinigen noch keine gefunden, die Swifts oder Cervantes’ oder Tristrams Werke recht goutiert hätte. – –
Zwei Tage später. Ich und mein Brief sind noch hier; aber heute reiset er auf vier Tage vor mir voraus. Ich denke ordentlich, dieses letzte Mal werde mir jede Blume in Maienthal und jedes Wort, das mir mein bester Lehrer sagt, noch größere und tiefere Freude machen als je, weil ich gerade aus dem Geräusche der Besuche und mit einem so melancholischen Herzen hinkomme. Am Morgen nach jener schönen Nacht des Kirchgangfestes saß ich allein in einer Laube neben dem großen Teiche und machte mich durch alles trauriger, was ich sah und dachte – denn diesen ganzen Morgen stand wegen eines Traumes meine erblichene Freundin in meiner Seele – ihr Grab lag durchsichtig auf ihr, und ich blickte hinein und sah diese Himmellilie blaß und still in ihm liegen – ich dachte wohl daran, als der Gärtner Blumen mit den Töpfen in die Erde grub, daß der Körper, in dem wir grünen, auf gleiche Weise in die Erde zum künftigen Blühen komme, aber ich konnte doch meine Tränen nicht mehr stillen. – Vergeblich sah ich den heitern Frühling an, der jeden Tag neue Farben, neue Mücken, neue Blumen aus der Erde zieht – ich wurde nur betrübter, da er alles verjüngt, aber den Menschen nicht. – Und als ich Herrn von Schleunes von weitem mit einem Froschschnepper auf den Teich zugehen sah, mußt’ ich mich, weil er von ferne im Vorbeigehen meine Augen sehen konnte, schlafend stellen, um sie nicht zu verraten. – – Aber vor meinem teuersten Lehrer würd’ ich sie geöffnet haben, wie jetzt, weil er mir meine Schwächen vergibt.
Klotilde v. L. B.«
*
Viktor hatte den linken Arm, womit er den Brief hielt, zu nahe ans Herz gelegt; und sein Arm und Brief fingen mit dem pochenden Herzen zu zittern an, und er konnte ihn kaum vor Rührung lesen und fassen. »Ein solcher Lehrer! – eine solche Schülerin!« weiter konnten seine Blicke nichts sagen.
Es war in ihm ein Streit, ob er seinem Freund die Liebe für Klotilden sagen sollte. Für das Geständnis war Emanuels Bitte, mit ihr umzugehen – sein gleichsam aus Fixsternen alle Kleinigkeiten der Erde beschauendes Auge – Viktors dankbare Begierde, ein Geheimnis mit dem andern zu vergelten – und am meisten, o! diese Liebe zu seinem Lehrer, diese Liebe seines Lehrers zu ihm….
– Und diese siegte auch, so viel auch sonst dagegen war. Denn wenn Viktors ganze Natur im Feuer der Freundschaft glühte, so stieg sein Herz immer höher und brannte, sich zu öffnen – er kämpfte noch mit ihm, und es schwieg noch – es liebte unendlich – es hob sich wie von einer unsichtbaren Macht empor – es brach endlich entzwei – die Brust ging wie vor Gott auseinander, und nun, Geliebter! schau hinein, aber verzeih ihm alles.
Er kriegte noch in sich, als der hinter ihrem Rücken heraufgehobene Mond ihre beiden Schatten-Kniestücke vor ihnen voraustrieb. – Er wurde durch Emanuels ziehenden Schatten an eine Stelle in seinem Briefe erinnert und an sein sieches Leben und frühes Verschwinden… Dieses zerspaltete sein Inneres, er wendete sanft seinen Emanuel gegen den herunterströmenden Mond um und sagte und zeigte ihm alles – aber nicht bloß seine Liebe, sondern seine ganze Geschichte – seine ganze Seele – alle seine Fehler
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