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Saemtliche Werke von Jean Paul

Saemtliche Werke von Jean Paul

Titel: Saemtliche Werke von Jean Paul Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jean Paul
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schwer ist, vom Maienthal voll Blüten, vom Blinden voll sanfter Töne wegzugehen – schmerzlich ist hier der letzte Händedruck, Viktor, und schön jede Verzögerung!
    Er beschloß, in der Nacht zu scheiden, weil eine Trennung am Morgen zu lange wehe tut und die Stelle des Herzens, wo sich das geliebte abgerissen, den ganzen Tag fortblutet. Emanuel hätte abends sich wieder ins Stift entfernen sollen, wie gestern: Viktor würde dann seine gefüllten Augenhöhlen, mit denen er immer hinausgehen mußte, um den Schmerz hinwegzunehmen, vor dem Blinden, den er um die traurigste Melodie von der Welt gebeten hätte, satt haben strömen lassen können.
    Als er abends das letztemal aß und die Abendglocke anfing, wurde seinem Herzen, als wäre von demselben die Brust weggehoben und Eisspitzen würden darauf geweht. Er umschlang voll Liebe den blinden Jüngling, den er nicht als den Gespielen seiner Kindheit erkennen durfte, und der mit seinen Tönen mehr Entzückungen gegeben hatte, als er in seiner Nacht zurückbekam; und ließ Tränen ihren Lauf, deren doppelte, vielleicht dreifache Quelle Emanuel nicht erriet: denn der Anblick dieser Augen, die nie mehr zu öffnen waren, tat nun seiner Seele nach Klotildens Wunsche ihrer Heilung viel weher. Emanuel bat er noch mit einer über den Nebensinn hinübereilenden Stimme, ihn ein wenig zu begleiten, bis Maienthal verschwunden wäre.
    In der dunkeln stillen Gegend draußen blieben alle Schmerzen in der Brust neben ihren Seufzern. »Wenn der Mond in dieses Blütental hereinschimmert,« dacht’ er, »hab’ ich es auf lange verlassen.« Bloß die Altarlichter, die Sterne, brannten im großen Tempel. Er wollte sich von seinem Lehrer auf dem Berge trennen, wo er sich mit ihm vereinigt hatte; aber er ging durch Umwege – Emanuel folgte ihm gern, wohin er ihn führte – hinauf, um das Schweigen und Weinen unter dem Umwege zu überwältigen.
    Aber sie kamen an unter der Trauerbirke, und sein Auge und seine Stimme hatte noch der Schmerz. »Ach« (dacht’ er) »wie freudig war hier die erste Nacht, und wie schmerzhaft ist diese!« Sie ruhten auf der Erde nebeneinander an der Grasbank, einsam, schweigend, trauernd vor dem dunkel schimmernden All. Viktor konnte den belasteten Atemzug der zerstörten Brust vernehmen, und das künftige Grab auf diesem Berge schien sich neben ihm aufzuwühlen. O wenn es bitter ist, neben dem Bette zu stehen, worin ein geliebtes erlöschendes Angesicht mit den Farben des Todes liegt: so ist es noch viel bitterer, mitten in den Szenen der Gesundheit hinter der aufgerichteten teuern Gestalt den leise grabenden Tod zu hören und so oft zu denken, als die Gestalt fröhlich ist: »Ach sei noch fröhlicher, in kurzem hat er dich umgenagt, und du bist vergangen mit deinen Freuden und mit meinen!« – Aber ach, es gibt ja keinen Freund und keine Freundin, bei denen wir das nicht denken müßten! –
    Er wußte nicht, warum Dahore so lange still war. – Er sah nicht voraus, daß der Mond den Berg früher bestrahlen werde als die Tiefe. Der Mond, dieser Leuchtturm am Ufer der zweiten Welt, umzog jetzt den Menschen mit bleichen Gefilden, die aus Träumen genommen waren, mit blaß schimmernden Auen aus einer überirdischen Perspektive, und die Alpen und Wälder lösete er in unbewegliche Nebel auf – über der halben Erdkugel stand tief der Lethefluß des Schlafes, unter der grünen Rinde stand das Totenmeer, und zwei liebende Menschen lebten zwischen dem weiten Schlafe und Tod… Jetzt dachte Viktor zwar noch glühender: hier neben diese Birke, unter diesen kalten Boden wird seine zerfallne Brust auf ewig verborgen, und sie blutet nicht mehr, aber sie schlägt auch nicht mehr – er dachte zwar an trübe Ähnlichkeiten, als die unbeweglichen Sterne auf- und abzusteigen schienen, bloß weil die spielende Erde sich um sie wendet und sie zeigt und deckt – er sah zwar melancholisch von den Irrlichtern weg, die, über Täler rennend, nur an der ernsten Nacht und an den Gräbern hinanhüpften und die um einen einsamen Pulverturm gaukelnde Kreise beschrieben – –
    Allein doch schwieg er und dachte: »Wir haben uns ja noch.«
    Aber dann wurd’ es seinem blutigen Herzen zu viel, als die Flötenklagen des Blinden aus dem einsamen Hause in die Nacht auszogen und über den Berg und über das künftige Grab hinübergingen. – Dann wurden den Seufzern Stimmen und der Zukunft Totenglocken gegeben, und es tat ihm zu wehe, als er unter dem Flötengetön es dachte: dieser

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