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Saemtliche Werke von Jean Paul

Saemtliche Werke von Jean Paul

Titel: Saemtliche Werke von Jean Paul Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jean Paul
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miteinander umkehren: so klagt er doch wieder die Lagen, nicht die Wünsche an. »Er wolle sich selber«, sagt’ er, »auslachen, aber er habe doch hundert Gründe, in St. Lüne zu zögern, von einem Tage zum andern – es ekle ihn so sehr seine Absicht an, einem Menschen (dem Fürsten) aus andern Beweggründen zu gefallen als aus Liebe – es sei noch unwahrscheinlicher, daß er selber gefalle, als daß es ihm gefalle – er wolle lieber seinen eignen Launen als gekrönten schmeicheln, und er wisse gewiß, im ersten Monat sag’ er dem Minister von Schleunes Satiren ins Gesicht, und im zweiten dem Fürsten – und überhaupt werd’ er jetzt mitten im Sommer einen vollständigen Hof-Schelm schlecht zu machen wissen, im Winter eher, u. s. w.«
    Außer diesen hundert Gründen hatt’ er noch schwächere, die er gar nicht erwähnte, wie etwan solche: er wollte gern um Klotilden sein, weil er ihr notwendig, gleichsam um sein Betragen zu rechtfertigen – aber welches denn, mein Trauter, das vergangne oder künftige? –, seine Wissenschaft um ihre Blutverwandtschaft mit seinem Freund eröffnen mußte. Zu dieser Eröffnung fehlte, was in Paris das Teuerste ist, der Platz ; das Exordium auch. Klotilde war nirgends allein zu treffen. Kenner sagen, jedes Geheimnis, das man einer Schönen sage, sei ein Heftpflaster, das mit ihr zusammenleime, und das oft ein zweites Geheimnis gebäre: sollte Viktor etwan darum Klotilden seine Kenntnisse von ihrer Geschwisterschaft so begierig zu zeigen getrachtet haben? –
    Er blieb einen Tag um den andern, da ohnehin die Butterwoche der Vermählung erst vorübergehen mußte. – Er hatte schon Vermählmünzen in der Tasche. Aber er sah Klotilde immer nur in Sekunden; und eine halbe Sekunde braucht man nach Bonnet zu einer klaren Idee, nach Hooke gar eine ganze: eh’ er also eine ganze Vorstellung von dieser stillen Göttin zusammengebracht hatte, war sie schon fortgelaufen.
    Endlich wurden ernsthaftere Anstalten gemacht – nicht zur Abreise, sondern zum Vorsatz derselben… Die schönsten Minuten in einem Besuche sind die, die sein Ende wieder verschieben; die allerschönsten, wenn man schon den Stock oder den Fächer in der Hand hat und doch nicht geht. Solche Minuten umgaben unsern Fabius der Liebe jetzt: sanftere Augen sagten ihm: »Eile nicht«, wärmere Hände zogen ihn zurück, und die mütterliche Träne fragte ihn: »Willst du mir meinen Flamin schon morgen rauben?«
    »Ganz und gar nicht!« antwortet’ er und blieb sitzen. Ich frage: steckte nicht seinetwegen die Kaplänin ihr Zungen-Richtschwert in die Scheide, weil er nichts so haßte als laute und stille Verleumdungen eines Geschlechts, das, unglücklicher als das männliche, sich von zwei Geschlechtern zugleich gemißhandelt erblickt? – Denn er nahm oft Mädchen bei der Hand und sagte: »Die weiblichen Fehler, besonders böse Nachrede, Launen und Empfindelei, sind Astlöcher , die am grünen Holz bis in die Flitterwochen als schöne marmorierte Kreise gefallen; die aber am dürren , am ehelichen Hausrat, wenn der Zapfen ausgedorret ist, als fatale Löcher aufklaffen.« – Agathe schraubte jetzt ihr Nähküssen an seinen Schreibtisch und küßte ihn, er mochte zu lustig oder zu mürrisch aussehen. Selber der Kaplan suchte ihm, wenn nicht die letzten Tage , die er bei ihm verträumte, süß zu machen, doch die letzten Nächte , wozu nichts nötig war als eine Trommel und ein Fuß. Die feurigsten nächtlichen Hexentänze der Mäuse untersagte der Kaplan mit seinem Fuß, damit sie den Gast nicht aufweckten; er tat nämlich damit an das untere Bettbrett von Zeit zu Zeit einen mäßigen Kanonen-Stoß, der um so mehr ins Hörrohr der Tänzer einknallte, da er schon die Ohren der Menschen erschreckte. Gegen den Eulerschen Rösselsprung der Ratten zog er nur mit einem Schlegel zu Felde, womit er, wie ein Jüngster Tag in ihre Lust- und Jagdpartien einbrechend, bloß ein- oder zweimal auf eine ans Bettuch gestellte Trommel puffte.
    Matthieu war unsichtbar und feierte, da Höflinge den Fürsten alles nachäffen, die Hochzeittage des seinigen wenigstens in kleinen Hochzeitstunden nach. Das Pulver, das aus Kanonen und aus Feuerwerker-Düten fuhr, das Vivat, das aus Kanzeln gebetet und aus Schenken geschrien wurde, und die Schulden, die man dabei machte, waren, denk’ ich, so ansehnlich, daß der größte Fürst sich nicht schämen durfte, damit seine Vermählung und – Langweile anzuzeigen. – Die Kälte hat ewig ein

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