Saemtliche Werke von Jean Paul
ach mit welchem Auge werd’ ich nach Jahren wieder über diese Nebel-Gehäuse schauen – und.. ein Narr bin ich, sind denn 2300 Häuser nur meinetwegen?«
Nachschrift . Diesen sechzehnten Posttag hat der Berghauptmann ordentlich am Ende des Junius abgeschlossen.
Vierter Schalttag und Vorrede zum zweiten Heftlei n
Ich will Schalttag und Vorrede zusammenschweißen. Es muß daher – wenns nicht Spielerei mit der Vorrede sein soll – hier doch einigermaßen der zweite Teil berührt werden. Es verdient von Kunstrichtern bemerkt zu werden, daß ein Autor, der anfangs acht weiße Papierseiten zu seinem Gebiete vor sich hat – so wie nach Strabo das Territorium Roms acht Stunden groß war –, nach und nach so weit fortrückt und das durchstreifte Papier mit so viel griechischen Kolonisten – denn das sind unsere deutschen Buchstaben – bevölkert, bis er oft ein ganzes Alphabet durchzogen und angebauet hat. Dies setzt ihn instand, den zweiten Teil anzufangen. Mein zweiter ist, wie ich gewiß weiß, viel besser als der erste, wiewohl er doch zehnmal schlechter ist als der dritte. Ich werde hinlänglich belohnt sein, wenn mein Werk der Anlaß ist, daß eine Rezension mehr in der Welt gemacht wird; und ich wüßte nichts – wenns nicht eben dieser Gedanke wäre, daß Bücher geschrieben werden müssen, damit die gelehrten Anzeigen derselben fortdauern können –, was einen Autor zur unsäglichen Mühe antreiben könnte, den ganzen Tag am Dintenfaß zu stehen und ganze Pfunde Konzepthadern in Berlinerblau zu färben… Und dieser kühle ernste hocus pocus von Vorrede – ein Ausdruck, den Tillotson für eine Verkürzung von der katholischen Formel ›hoc est corpus‹ hält – sei für gute Rezensenten auf Universitäten genug.
Ich wende mich wieder zu dem, was ich eigentlich damit haben wollte. Ich bin nämlich gesonnen, die Extrablättchen und Nebenschößlinge, womit die Schalttage vollzumachen sind, in alphabetischer Ordnung – weil Unordnung mein Tod ist – nicht nur anzukündigen, sondern auch hier schon anzufangen und fortzusetzen bis zum Buchstaben I.
Schalt- und Nebenschößlinge, alphabetisch geordnet
A
Alter der Weiber . Lombardus (L. 4. Sent. dist. 4.) und der heilige Augustin (l. 22. de civit. c. 15.) erweisen, daß wir alle in dem Alter von den Toten auferstehen, worin Christus auferstand, nämlich im 32sten Jahre und dritten Monat. Mithin wird, da im ganzen Himmel kein Vierziger zu haben ist, ein Kind so alt sein wie Nestor, nämlich 32 Jahre und drei Monate. Wer das weiß, schätzet die schöne Bescheidenheit der Weiber hoch, die sich nach dem 30sten Jahre wie Reliquien für älter ausgeben, als sie sind; denn es wäre genug, wenn sich eine Vierzigerin, Achtundvierzigerin so alt machte wie guter Rheinwein oder höchstens wie Methusalem; aber sie glaubt bescheidener zu sein, wenn sie sich, so sehr ihr Gesicht auch widerspricht, schon das hohe Alter zuschreibt, das sie erst, wenn ihr Gesicht einige tausend Jahre in der Erde gelegen ist, haben kann, nämlich – 32 Jahre und drei Monate. Schon ein Dummer sieht ein, daß sie nur das künftige Aufersteh- und kein Erdenalter meine, weil sie von diesem Stand-Jahre nicht wegrückt, welches eben in der Ewigkeit, wo kein Mensch eine Stunde älter werden kann, etwas Alltägliches ist. Diese Einheit der Zeit bringen sie in das Intrigenstück ihres Lebens darum schon im 30sten Jahr hinein, weil nach diesem in Paris keine Frau mehr öffentlich tanzen und (nach Helvetius) kein Genie mehr meisterhaft schreiben kann. Auf das letzte rechnete man vielleicht sonst in Jerusalem, wo jeder erst nach dem 30sten Jahr ein Lehramt bekam.
B
Basedowische Schulen. Basedow schlägt in seiner Philalethie vor, 30 unerzogene Kinder in einen Garten einzuzäunen, sie ihrer eignen Entwickelung zu überlassen und ihnen nur stumme Diener, die nicht einmal Menschen-Kleidung hätten, zuzugeben und es dann zu Protokoll zu bringen, was dabei herauskäme. Die Philosophen sehen vor lauter Möglichkeit die Wirklichkeit nicht: sonst hätte Basedow bemerken müssen, daß unsre Landschulen solche Gärten sind, in denen die Philosophie den Versuch machen will, was aus Menschen, wenn sie durchaus alle Bildung entbehren, am Ende werde. Ich gesteh’ aber, daß alle diese Versuche noch so lange unsicher und unvollkommen bleiben, als die Schulmeister sich nicht enthalten können, diesen Probekindern irgendeinen Unterricht – und wär’ es der kleinste – zu erteilen;
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