Saemtliche Werke von Jean Paul
Kindergebärens, des Kindersäugens und der Haushaltung sie schon bis an die kalte Erde niederdrücke, von der Lesung seines satirischen Appendixes gänzlich befreiet und eximiert sein sollen –
daß hingegen Klägere ganz und gar gehalten seien, dem Büchermacher in sein Filial nachzufolgen und da zuzusehen, wie er springt und setzt, desgleichen die wenigen Pickelherings-Pillen, die er unter dem Springen zuwirft, zu bezahlen und hineinzuschlucken, angesehen schon bei den Ägyptern das ganze Volk monatlich etwas zum Laxieren nehmen müssen. – Wornach sich zu achten; publiziert Hof, den Schalttag 1796.
Berghauptmannschaft allda.«
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Mit diesem Dekret eines höchst venerierlichen Gerichtsstandes bin ich jetzt sattsam gedeckt und lasse nun ohne Scheu mein satirisches Hospitalschiff neben der biographischen Silberflotte herlaufen. Das Edikt (edictum perpetuum) des Gerichtshofes nimmt mir zwar die Leserinnen, für die jetzt die Satire nur ein Rückenwind ist – sie zaubern sehr, und schon nach Bodin. l. 2. c. 2. de daemon. können Zauberinnen kein Salz ausstehen –; aber doch sämtliche Leserschaft muß nach dem publizierten Urtel des Justizdepartements in meinem Pulverturm, den ich abgelegen von der biographischen heiligen Stadt erbauen muß, bei mir ausharren und mir zuschauen. Ich erwarte mit einiger unschuldigen Schadenfreude, was nun die kleinen Kunstrichter nach einem solchen Erkenntnisse eines hohen Dikasteriums etwa anzustellen gedenken; ich aber kann kaum die Minute erharren, wo ich mich vor mein Rücken-Positiv setze und meine Murkis vororgle, gänzlich bedeckt von meinem Fetwa und Arret. – Die folgende Satire ist zwar die erste; aber die im nächsten Buche ist die zweite – und so werden in allen meinen Werken die Satiren in fortlaufender Signatur fortgezählt: denn die Appendizes haben sämtlich, wie größere Vulkane, eine geheime Verbindung.
Erster Appendi x
Die Salatkirchweih in Obersees,
oder fremde Eitelkeit und eigne Bescheidenheit
Ich wollte diese Kirchweih schon vor einigen Jahren beschreiben; aber ich hatte niemals Platz: Gott gebe, daß ich die Beschreibung samt den vielen Einschaltungen nicht weniger zu Ende bringe wie dieses Buch. –
Vor 13 Jahren wurde der geduldige Juris-Praktikant Weyermann , der fast nichts einzunehmen hatte als die copiales für seine Schriften, die er selber mundierte, im Frühjahr so glücklich, daß ihm die ganze Gerichtshalterei Obersees anfiel, eine der besten im Lande, dem Kaufherrn Oehrmann belehnt und 4 Meilen von der Stadt gelegen. Ich und Weyermann wohnten in dieser. Er hatte mich lieb und kopierte oft meine Exhibita und oft mein Betragen: ich war freilich selber nur die lange Tangente seiner Zirkel und er also eine kurze Kotangente; ich der Gipsabdruck, er mein Nachstich. Manche Menschen können, wie die Engländer, ihr Ich mit einem großen I schreiben und den ganzen Tag Zugwerk und Buchdruckerstöcke um das große I entwerfen (als wär’ es der Anfangsbuchstabe des Universums), ohne daß ein fremdes I sich darüber erzürnt oder sie Egoisten schilt: die Lust wird ihnen herzlich vergönnt. Und so war Weyermann; und ich gönnte ihm gern die Hefe (die Gerichtshalterei), die seinen ganzen Teig aufhob und über den Backtrog trieb. Ich sagte zu mir: je kürzer die Bahn oder auch das Gesicht eines Menschen ist, aus einem desto höhern Tone pfeift er, wenn er drei Schritte darin getan; so geben kurze Pfeifen hohe Töne, lange aber tiefe .
Ich erhörte daher mit Vergnügen die Bitte des Gerichtshalters, mit ihm nach Obersees zu reiten, ob er sie gleich in der eiteln Absicht tat, mit meiner Gesellschaft großzutun und zu prunken. Da nach den Theologen die Mohren, Chams Enkel, bloß durch den Fluch Noahs so schwarz angelaufen sind: so hätte der gutmütige Weyermann gern seinen Bedienten aus Liebe verflucht, wenn er ihn mit dem Fluche hätte, wie mit Beinschwarz oder Ruß, zu einem Kammermohr umfärben und schwärzen können. – Wir mußten einen Tag vor der Salatkirmes, oder vor dem Johannistage, in Obersees ankommen, damit am Kirmestage selber die reitende Jury, Weyermann nämlich, von dem Gerichtssprengel die Huldigung empfing.
Als er abstieg im Oberseeser Schloßhof, sagte er laut vor so vielen zulaufenden Gerichts-Insassen: »Herr Kammerherr v. Torsaker , Großkreuz vom Seraphinen-Orden, schwitzen Sie stark?« –
»Ich leidlich,« – sagt’ ich –, »aber der Gaul!« – – Das wird aber kein Mensch verstehen; und
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