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Saemtliche Werke von Jean Paul

Saemtliche Werke von Jean Paul

Titel: Saemtliche Werke von Jean Paul Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jean Paul
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Oberseeser, um die Siegessäule tanzten. Ich und der Stadtrichter waren, ungefähr 30 Schritte davon, glücklich: er wars, weil er vor allen Leuten neben dem Kammerherrn v. Torsaker stand und dessen seraphisches Paternoster aus Köpfen frei angreifen durfte, nicht zu gedenken, daß auf morgen der Antritt seiner Regierung über die ganze Volksmenge fiel – ich war noch glücklicher, denn ich sah in einem fort meine Stipendiatin an, die schöne Eva, und bewunderte in der Dämmerung ihren Teint (denn es gibt keine beßre sinesische Schminke bei David Schirmer in Leipzig als mein kurzes Gesicht), und zweitens sah Eva in einem fort auf mich und zeigte vielen ihren Mäzen und Wohltäter.
    Welche Einheit des Interesse, welche richtige Knoten, die auseinander müssen, bringt doch eine einzige schöne Gestalt für einen fremden Passagier, der sie festzuhalten sucht mit Blicken oder Fingern, in das ganze verwirrte, mit Akteurs bevölkerte, überladne Theater eines fremden Orts! – Steht eine solche Sonne noch unter dem Horizont, so ist der ganze Ort ein ödes, fröstelndes Schattenreich, und man hängt sein Herz an nichts weiter als an die Pferde, die einen aus dem Orkus oder Hades ziehen. In einem solchen jämmerlichen Falle bin ich gar ein ordentliches Windei ohne Dotter: es ist – außer dem, was ich schuldig bin – nichts aus mir herauszubringen, der Wirt mag mich mit seiner Brust ansitzen und anbrüten, wie er will. – Hingegen, wenn der elektrische Funke eines schönen Auges, die aura seminalis einer schönen Stimme über den Wind-Eiergang fährt: wie pulsieren da tausend puncta salientia im Kopf! Und die besten Gedanken werden flügge und schwingen sich auf!
    Ich war auf nichts so begierig, als auf den Schulmeister zu treffen, den Bräutigam der Dauphine und Freya. Denn ich hatte vor, wenn er etwas taugte, für ihn zu arbeiten und einen schönen Ankerplatz in ihrem jungen Herzen für ihn zurecht zu machen und mich deshalb in letzteres selber zu begeben und einzuschleichen. Ich konnte präsumieren, wenn ich an die Pille, den Schulmeister, mich als Silber anlegte, so dürfte sie ihn in diesem Vehikel leichter ins Herz hinunterbringen.
    Die Geschichte wird noch viel interessanter.
    Wir gingen inzwischen nach Hause; der Stadtrichter dachte und philosophierte unterweges und merkte an: »Die armen Leute bilden sich Königreiche auf ihre abgeschälte Stange ein: jetzt möcht’ ich wissen, wie sie sich erst gebärdeten, wenn sie einen beträchtlichen Posten im Staate bekleiden sollten, oder nur meinen.« – »Oder vollends, Herr Stadtrichter, wenn solche Kleinstädter lange Ordensbänder und drei Kammerherrn-Knöpfe tragen dürften. Ich denk’ aber, sie blieben dann nicht lange bei Verstand: ach! es ist so leicht, ein Narr zu werden! – Ich habe in großen Städten die bescheidensten Dragoner gekannt, welche wie Frösche aufliefen, wenn sie auf dem Theater bei den Ritterschauspielen stumme Feimer machen mußten oder andre Justizpersonen von Belang.« – Wir arme Teufel allzumal dürfen entweder alle prahlen oder keiner. Bei Gott! ich tat im vorigen Herbst unrecht, daß ich über die vielen Kunstgärtner aus mehrern Städten den Stab brach, die sämtlich in die fetten Stachelblätter einer Aloe ihren Namen als in ein Buch des wachsenden Lebens eingesägt hatten. Der Name eines Menschen muß irgendwo haften wie in einem Belobungspatent; und ich beteure, verewigte ich nicht den meinigen auf Schriften, ich würde ihn auf der Höfer gefrornen Saale einkratzen und einfahren mit dem Schrittschuh – oder (wär’ ich ein andrer Professionist) auf Messer- und Degenklingen – auf Fensterscheiben – innen auf Gefängnisgittern – auf einen neuen Darm oder Wurm darin, den ich zuerst entdeckte und den die Gelehrten nach dem Namen des Erfinders nennen müßten – oder (wär’ auf der Erde nichts Neues mehr) auf einen neuen Klecks im Mond, oder Funken am Himmel – als Edelmann auf das Halsband meines Hundsstalles – als Huter ins Hutfutter – als Tischler buntfarbig an Särge – und als Leiche an meinen eignen, damit der Sterbliche und seine Unsterblichkeit nebeneinander hinuntergingen und zusammen verstäubten….
    Ich kann den schweren Gedanken nicht ertragen, daß irgendein Mensch und Mitbruder, und wär’ er noch so wenig, so ganz vergessen sein soll, durch so viele Jahrhunderte hindurch, daß die Heere der Jahre und Menschen so unachtsam über seinen unbedeckten anonymen Staub wegschreiten sollen. Es gibt aber

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