Saemtliche Werke von Jean Paul
nämlichen Irland dieselbe Anzahl Straßen-Barden an, desgleichen im Kirchenstaate, in Bayern und in den blühendern Kreisen von Deutschland, worin dichterischer Geist gewiß noch nicht so erloschen ist, daß nicht jeder Gerichts- und Kirchensprengel einige Familien solcher singenden Nomaden sollte aufzuweisen haben. Der Verfasser dieses Appendix bildet sich überhaupt ein, er dürfe hierin seiner bisherigen Methode, das singende Deutschland zu zählen, vertrauen und sie manchen andern, selber von Schmidt und Meusel, vorziehen: er tut nämlich, wenn er durch Staaten reitet, wo der Thron ein Helikon voll peripatetischer Dichter und Barden ist, einen Schwur, jedem Volksdichter nicht mehr zu geben als einen Pfennig, zählt aber vorher sich für einige Taler (pr. Courant) Pfennige richtig ab. Ist er nun durch den Staat geritten, so subtrahiert er den Rest und weiß, wenn z. B. 2 Rtlr. (pr. Cour.) aufgingen für die Bettelvolks-Liste, daß 840 Sänger (oder Sängerinnen) darin hausen. – Es ist nicht die Schuld der Fürsten, wenn es nicht in allen Ländern eine hinlängliche Anzahl solcher Troubadours und Gassen-Skalden gibt: sie tun, was sie können, und muntern auf. Sie räumen und leeren für Skalden zu Wohnsitzen ganze Länder aus – sie ernennen selber fähige Köpfe zu solchen Gassen-Laureaten, wie die englische und die deutsche Krone Stuben-Laureaten kreiert – sie legen Kasernen als Skalden-Seminarien an, aus denen wie aus delphischen Höhlen und bureaux d’esprit mit der Zeit die einzigen Meistersänger hervorgehen, die wir noch sehen, und sogar ihre Kinder werden schon zu den schönen und redenden Künsten angehalten: wie bei den Römern, so wird bei den Deutschen allezeit erst nach der Kriegskunst die Dichtkunst getrieben und geschätzt. Ja, wie Ludwig XIV. sogar ausländische Dichter und Gelehrte salarierte, so lassen die bessern Fürsten die gedachten Barden, wenn sie auch nicht einheimisch sind, zwölf Monate lang im Jahre auf öffentliche Kosten speisen – die Gasse ist das Prytaneum –; hingegen von den alten Barden in Irland erzählt der gedachte Troil, daß sie jährlich nicht mehrere Monate freien Tisch genossen als sechse.
Man muß sich aber als unparteiischer Patriot doch nicht verbergen, daß, ungeachtet aller Vorkehrungen weltlicher Fürsten, die geistlichen und überhaupt die katholischen Staaten mehr Barden teils erwecken, teils erobern als die besten andern. Und die Ursache ist nur gar zu klar. Haben wir Mönche und Priester (wie jene), die durch Kirchen-Opermaschinerie, durch ihre Aktion, durch ihre Gemälde übersinnlicher Welten jede Phantasie in Flug zu bringen wissen und jeden Barden mit Frau und Kind in Gang? – Zweitens kann der Katholizismus – der eben deswegen irdische Glückseligkeit unter die Kennzeichen der wahren Kirche setzt – durchaus nur in feister Garten- und Modererde Wurzel fassen: ein Mönch ist daher ein ebenso gutes Zeichen eines fetten Bodens als ein Regenwurm, und Ökonomen wissen, daß Abteien und Maulwurfshaufen fruchtbares Land ansagen. Die Poesie war aber von jeher die Tochter und Erbin des Überflusses und Luxus, im alten Rom, im neuen Rom. Mithin ist schon die Fruchtbarkeit und der Reichtum der katholischen Länder allein hinreichend, uns die große Volkszahl ihrer Straßen-Barden – die wohl auf eine sehr unschickliche Art den Namen Straßenbettler führen – erträglich zu erklären. Nur ein Land, das reich genug ist, solche Barden hervorzubringen, ist wohlhabend genug, sie zu ernähren; die Fruchtbarkeit eines Tiers in irgendeinem Erdstriche sichert zu, daß es da Kost genug finde, und sogar die Heck- und Wurfzeiten jedes Viehes müssen stets in die Monate seines reichlichern Futters treffen.
Bei den kymbrischen Starosten und andern Honoratioren gehörten die alten Barden so gut zum Hofstaat als jetzt Livreebediente. Der König von Wales hatte seinen Hof-Barden, dem er beim Regierungs-Antritt eine Harfe schenken mußte – die Königin indes einen Ring. Aber noch führen Woiwoden – Hospodars – Reichspröpste – infulierte Äbte und auch simple Landsassen Straßen-Barden, als Suite ihrer Macht, um und neben sich und strecken diesen durchsichtigen Schweif aus ihrem festen Kometenkern aus: denn überhaupt kann ein Gefolge von reichen Lakaien wohl vorzeigen, was der Prinzipal (an sie nämlich) gegeben und verloren hat, aber nur eine Suite von Lazarussen kann vorzeigen, was er (von diesen nämlich) genommen und gewonnen. Und aus dem Letztern
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