Sagen des klassischen Altertums
liebreich vom Boden auf und antwortete mit verständiger Mäßigung: »Denke nicht länger an das Vergangene, Helena, und ängstige dich nicht mit überflüssiger Furcht: was geschehen ist, sei in die Nacht der Vergangenheit versenkt und keines früheren Fehlers hinfort von mir gedacht.« Damit schloß er sie in seine Arme und drückte ihren Lippen den Kuß der Versöhnung auf. Aus beider Wimpern rollte die Träne süßer und wehmütiger Rührung.
Neoptolemos, der Sohn des Achill, lag um diese Stunde schon in tiefem Schlafe. Da trat zu ihm im 248
Gustav Schwab – Sagen des klassischen Altertums
Traume an sein Zeltlager der Geist seines hohen Vaters, ganz wie er einst im Leben war, der Schrecken der Trojaner und die Freude der Griechen, küßte dem Sohne Brust, Mund und Augen und sprach: »Gräme dich nicht im Gemüte, lieber Sohn, daß ich gestorben bin, denn ich lebe jetzt in der Gemeinschaft mit den seligen Göttern; sondern nimm dir fröhlich deinen Vater zum Beispiel im Kampfe wie im Rat: im Kampf sei immer der erste; in der Ratsversammlung aber schäme dich nicht, den weisen Worten älterer Männer dich nachgiebig zu zeigen. Im übrigen strebe dem Ruhme nach, wie dein Vater getan, freue dich des Glückes und betrübe dich nicht zu sehr im Unglück; an meinem frühen Fall aber erkenne, wie nahe die Pforten des Todes dem Sterblichen sind; denn das ganze Menschengeschlecht gleicht den Frühlingsblumen: die einen wachsen, die andern vergehen. Nun aber sage dem Völkerfürsten Agamemnon, sie sollen das Beste und Edelste von der ganzen Beute mir opfern, damit mein Herz sich auch am Untergange Trojas laben könne und zu meiner Zufriedenheit im Olymp nichts fehle.«
Nachdem er seinem Sohne diesen Befehl erteilt hatte, verschwand der selige Geist aus dem Traume des Neoptolemos wie ein flüchtiger Hauch des Windes. Dieser erwachte, und seinem freudig bewegten Gemüte war, als hätte er mit dem lebendigen Vater fröhlichen Umgang gepflogen. Am andern Morgen sprangen die Danaer ungeduldig von ihrem Lager auf, denn die Sehnsucht nach der Heimkehr bemächtigte sich ihres Sinnes, und gerne hätten sie Augenblicks die Schiffe ins Meer gezogen, wenn der Sohn des Peliden nicht unter das versammelte Volk getreten wäre und ihren Eifer durch seine Anrede gehemmt hätte.
»Höre, Volk der Danaer«, rief er mit seiner jugendlichen Kraftstimme, »was in dieser Nacht der Geist meines unsterblichen Vaters, der mich im Traume besucht hat, mir aufgetragen, euch zu verkündigen: Ihr sollt das Edelste und Beste der trojanischen Beute ihm opfern, damit sich sein Herz am Untergange der verhaßten Stadt auch sättigen könne und er des Siegerpreises nicht verlustig gehe. Eher sollt ihr diesen Strand nicht verlassen, bis ihr die heilige Pflicht gegen den Toten erfüllt habt, dem ihr doch eigentlich die Eroberung Trojas verdanket. Denn ohne daß Hektor besiegt worden, wäret ihr nimmermehr so weit gekommen.«
Ehrerbietig beschlossen die Danaer, den Willen ihres verstorbenen Helden zu befolgen, und Poseidon, aus Liebe zu dem Peliden, regte die Flut zu mächtigem Sturme auf, so daß das Meer in turmhohen Wellen aufbrauste und die Griechen, wenn sie auch gewollt hätten, nicht imstande gewesen wären, den Strand zu verlassen. Als die Völker aber die empörte See erblickten und stürmen hörten, da flüsterten sie sich gegenseitig zu: »Ja, wahrhaftig stammte Achill vom höchsten Zeus ab: denn sehet ihr, wie sich die Elemente mit seinen Befehlen verbünden!« Und so zeigten sie sich nur noch williger, dem Gebote des Hingeschiedenen zu gehorchen, und strömten zu Haufen dem Grabmale des Helden, das den Meeresstrand hoch überragte, zu.
Nun entstand aber die Frage: was soll geopfert werden, und was ist das Beste und Edelste der ganzen Beute Trojas? Jeder Grieche brachte unweigerlich seine Beute an Schätzen und Gefangenen herbei. Als man aber alles musterte, da erbleichte Gold, Silber, Edelstein samt allen Schätzen vor der himmlischen Schönheit des Jungfrau Polyxena, der gefangenen Tochter des Königes Priamos, und nur ein Ruf ging durch das ganze Heer der Griechen, daß sie das Beste und Edelste von der ganzen trojanischen Beute sei. Die Jungfrau, als aller Blicke sich auf sie richteten, erbleichte nicht, obgleich ihr der laute Jammerschrei ihrer Mutter Hekabe, der sich jetzt aus dem Haufen der Gefangenen erhob, durch das Tochterherz schnitt. Polyxena hatte den herrlichen Helden Achill manchesmal von den Mauern herab im Kampfe erblickt,
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