Sagen des klassischen Altertums
klassischen Altertums
Erstes Buch
Die letzten Tantaliden
AGAMEMNONS GESCHLECHT UND HAUS
Troja war gefallen. Die heimsegelnde Flotte der Hellenen, vom Sturm halb vernichtet, hatte sich in ihren Überbleibseln wieder zusammengefunden, und auf der beruhigten See fuhren die Abteilungen der Griechen jede ihrer Heimat zu. Agamemnon, dessen Schiffe, von der Herrscherin Hera beschützt, keinen Schaden genommen hatten, steuerte rüstig auf die Küste des Peloponneses los. Schon nahete er dem spitzigen Felsenhaupte des Vorgebirges Malea in Lakonien, als ihn plötzlich aufs neue das Ungestüm eines Orkanes ergriff und ihn mit allen Fahrzeugen in die offene Flut des Meeres zurückwarf. Seufzend mit aufgehobenen Händen flehte der Völkerfürst empor zum Himmel und bat die Götter, ihn nicht nach so vielem Ungemach und nach mühselig vollbrachtem Willen der Himmlischen im Angesichte seiner Heimat mit so vielen tapferen Männern verderben zu lassen. Er wußte nicht, daß diesmal der Sturm sein Freund und von warnenden Gottheiten ihm zugesendet war: denn ihm wäre besser gewesen, an die fernste Barbarenküste verschlagen, in der Verbannung sein Leben zu beschließen, als seinen Fuß in den heimischen Königspalast Mykenes zu setzen.
Auf Agamemnons Geschlecht ruhete ein Fluch; von seinem Urahn Tantalos her war es unter Greueln erwachsen; ruchlose Gewalt hatte die einen seiner Glieder gestürzt, die andern erhoben; durch einen ungeheuren Frevel im eigenen Hause sollte auch Agamemnon das Ziel seines Lebens finden. Der Urgroßvater Tantalos hatte den zum Mahle geladenen Göttern seinen Sohn Pelops gekocht zu schmausen vorgesetzt, und nur ein Wunder hatte diesen Stammhalter des Geschlechts ins Leben zurückgerufen.
Pelops, sonst unsträflich, ermordete seinen Wohltäter Myrtilos, den Sohn des Hermes, und half durch diesen Mord den Fluch des Hauses weiterspinnen. Myrtilos nämlich, der Stallmeister des Königs Önomaos, dessen Tochter Hippodameia Pelops durch den Sieg im Wagenrennen gewinnen sollte, ließ sich überreden, die Nägel aus dem Wagen seines Herrn zu ziehen und wächserne statt der eisernen einzustecken. Dadurch ging der Wagen des Önomaos auseinander, und Pelops gewann den Sieg und die Jungfrau. Als aber Myrtilos die versprochene Belohnung forderte, stürzte ihn Pelops, um keinen Zeugen seines Betruges zu haben, ins Meer. Vergebens suchte er den über diesen Frevel zürnenden Gott Hermes zu versöhnen, baute dem Sohn ein Grabmal und dem Vater einen Tempel: er und sein Geschlecht waren der Rache des Gottes verfallen.
In den Söhnen des Pelops, Atreus und Thyestes, wirkte der Fluch kräftig fort. Atreus war König zu Mykene, Thyestes neben ihm König im südlichen Teile des argolischen Landes. Der ältere Bruder besaß einen Widder, der goldene Wolle trug; nach diesem gelüstete Thyestes, den jüngeren; er verführte die Gemahlin des Bruders, Aërope, zur Untreue und erhielt von ihr das goldene Lamm. Als Atreus das doppelte Verbrechen seines Bruders inneward, hielt ihn keine Überlegung ab; er handelte wie der Großvater: heimlich ergriff er die beiden kleinen Söhne des Thyestes, Tantalos und Pleisthenes, setzte sie geschlachtet beim gräßlichen Gastmahle dem Bruder vor und gab ihr Blut zum Weine gemischt, dem unseligen Vater zu trinken. Dem zuschauenden Sonnengott kam über dieser Unmenschlichkeit ein solches Grauen an, daß er seinen Wagen rückwärts lenkte; Thyestes aber floh vor dem entsetzlichen Bruder nach Epiros zu dem Könige Thesprotos. Das Land des Atreus ward von Dürre und Hungersnot heimgesucht, und der befragende König erhielt vom Orakel die Antwort, die Landplage werde aufhören, wenn der vertriebene Bruder zurückberufen sei. So machte sich Atreus selbst auf den Weg, den Thyestes in seiner Zufluchtsstätte aufzusuchen, und führte ihn mit einem Sohne, namens Ägisth, in die alte Heimat zurück. Auch dieser Ägisth war das Kind eines Greuels und in seinem Asyle von Thyestes erzeugt. Aber er hatte geschworen, seinen Vater an dem Atreus und dessen Kindern zu rächen. Das erste vollführte er bald, nachdem die Brüder zusammen nach Mykene zurückgekehrt waren. Ihre Freundschaft war dort von kurzer Dauer gewesen, und Atreus hatte den Bruder in den Kerker geworfen. Da erbot sich Ägisth trügerischerweise dem Oheim, indem er sich über den Greuel seiner Geburt entrüstet stellte, den eigenen Vater umzubringen. In den Kerker eingelassen, verabredete er mit seinem Vater die Rache, zeigte dem Atreus ein
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